 |
+++ HL-live.de - Archiv +++10.12.2006 08.32
St. Marien: Die Glocken und ihr Weg durch die ZeitLübeck ist die Stadt der sieben weit sichtbaren Türme von St. Marien, des Doms, der Jakobi-, der Petri- und der Aegidienkirche. Fünf große Kirchen auf einem so engen Raum wie der Lübecker Altstadt dokumentieren den Reichtum der Stadt in der goldenen Hansezeit. Die Glocken der Kirchen markieren bis heute zur halben und vollen Stunde klangvoll die Zeitpunkte des täglichen Lebens im Herzen der Hansestadt. Dabei haben auch die Glocken der Lübecker Altstadtkirchen eine bis heute bewegte Zeit hinter sich.
Dazu gehört das Geläut von St. Marien: seit der hohen Zeit der Glocken im 16. Jahrhundert berühmt, nach dem Zweiten Weltkrieg von der Fachwelt verschmäht und heute wieder hoch gelobt – alles hat seine Zeit. In der furchtbaren Lübecker Brandnacht am Palmsonntag 1942 stürzten die größte und die drittgrößte der sieben Großglocken des 125 Meter hohen Süderturms von St. Marien in die Tiefe und zerbarsten am Boden. Bis heute sind die abgestürzten Glocken zu besichtigen und zeugen von einer barbarischen Kriegszeit, in der scheinbar nichts mehr heilig war.
Zur 700-Jahrfeier von St. Marien im Jahr 1951 wurde auf Initiative des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer eine neue Großglocke, die so genannte „Pulsglocke", finanziert. Das Material der Glocke stammte aus Resten der weiteren 1942 zerstörten Glocken. Hinzu kamen drei Glocken aus Danzig, die man vom Glockenfriedhof aus Hamburg nach Lübeck geholt hatte. Auf diesem Hamburger Glockenfriedhof waren Glocken gelagert worden, die den Zweiten Weltkrieg einigermaßen unbeschadet überlebt hatten und nicht eingeschmolzen und zu Kanonenrohren verarbeitet worden waren. Das neue Geläut wurde im Süderturm von St. Marien in einen Stahlglockenstuhl und angekröpfte Stahljoche gehängt, um die Stabilität des hohen Turms nicht zu gefährden – eine Großglocke wiegt immerhin rund sechs Tonnen. Dann konnte St. Marien wieder läuten.
Doch die Freude über den neuen Glockenklang im Herzen Lübecks hielt sich in Grenzen. „Es war ein grauenhaftes Geläut, der Klangeindruck war unbefriedigend", sagt St.-Marien-Pastor F. Volker Schulze. 1979 kam der Geistliche, dem die Liebe zu Glocken buchstäblich in die Wiege gelegt worden war, zu St. Marien. Schon im Kinderwagen wollte er um 12 Uhr zur Kirche geschoben werden, um die Mittagsglocken zu hören, erzählt Schulze. Der Faszination für das Glockengeläut des späteren Pastors ist es zu verdanken, dass St. Marien heute zu den Jahres- und den Tageszeiten wieder so erklingt, wie es für die weltweit größte Backsteingotik-Kirche angemessen ist.
Auf Initiative Pastor Schulzes erhielt St. Marien zusätzlich drei neue Glocken, die von den Gebrüdern Bachert in Bad Friedrichshall gegossen worden waren. Auch diese Glocken wurden in einen Stahlglockenstuhl gehängt. Damit hatte St. Marien zu Lübeck mit den sieben Glocken zwar das größte Geläut des Landes Schleswig-Holstein, doch die Fachwelt kritisierte die unsachgemäße Aufhängung, die die Glocken nicht zur vollen Klangaufhängung bringen konnte. Durch eine Spende der Lübecker Possehl-Stiftung konnte im Jahr 2005 das Geläut in einen heute technisch und musikalisch optimalen Zustand versetzt werden: Alle sieben Glocken hängen jetzt in einem Holzglockenstuhl an geraden Holzjochen und haben neue Klöppel. Nach dem heutigen Stand zählt der wichtigste Glockensachverständige Deutschlands und Vorsitzende des Beratungsausschusses für das Deutsche Glockenwesen, Dr. Kurt Kramer, das Mariengeläut zu den 16 bedeutendsten in Europa – die Kritik der Fachwelt hat sich in große Anerkennung gewandelt.
„Ein schönes Geläut ist etwas Erhebendes", sagt der Gemeindepastor von St. Marien und Glockenliebhaber Schulze spürbar zufrieden. Damit das so bleibt, läuten die sieben Großglocken nicht an jedem Sonntag gleich. „Man lässt nicht immer alles ertönen, was man hat", so Schulze. So passt sich das St.-Marien-Geläut entsprechend der besonderen Gliederung des Kirchenjahres an und erklingt je nach Anlass – ob Taufe, Trauung, Trauer, Andacht oder Feiertag jeweils anders. Zu großen christlichen Festen werden heute auch in St. Marien wieder alle Register gezogen und beschallen die gesamte Lübecker Altstadt mit ihrem einladenden und warm tönenden Klang. „Das ist ein Ausbruch der Freude", beschreibt Pastor Schulze das Festtagsgeläut von St. Marien, das nach dem Weihnachtsfest 2006 zum nächsten Mal in seiner ganzen Fülle zum Osterfest 2007 zu hören sein wird. Autor: TP Aus rechtlichen Gründen können wir Bilder nicht mehr zur Verfügung stellen.
|
 |
Nachrichten:
Polizei & Feuerwehr Stadtgeschehen Politik Kultur & Theater Wirtschaft Sport Veranstaltungskalender Umland
Service:
Flohmarkt
Wetter
Shop
Notdienste
Stadtplan
Bildarchiv
Archiv
Rätsel
RSS-Newsfeed
Newsletter
Werbung
Kontakt:
Meldung schicken
Veranstaltungs-Tipp
Impressum Nutzungsbedingungen
|