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+++ HL-live.de - Archiv +++23.08.2004 22.13
15. Interkulturelle Wochen 2004 ab 28. AugustZum 15. Mal werden in der Zeit vom 28. August bis zum zweiten Oktober die Interkulturellen Wochen in Lübeck durchgeführt.
Trotz des Gegenwindes in Form von der Diskussion über das "Zuwanderungsgesetz", "Sündenbocktheorie" und Ausgrenzung durch "Stammtischparolen" haben sich wieder Menschen, Gruppen, Initiativen, Vereine zusammen gefunden, um die 15. Interkulturellen Wochen in Lübeck mit Leben zu erfüllen. Mit einem breit gefächerten Programm möchten die Initiatoren Impulse geben, zum Gespräch, zum Austausch, zum Kennenlernen einladen.
Kulturarbeit kann Freiräume schaffen, in denen Begegnungen möglich sein können. Was sonst dem Zufall überlassen bleibt, nämlich konzentriertes Zuhören oder Zuschauen, kann bei Veranstaltungen zur bewussten Wahrnehmung werden. Was durch Fernsehen oft zum visualisierten unkritischen Kulturkonsum herunterkommt, kann im Konzert, in einer Lesung oder einer Diskussion zum differenzierten Nachdenken anregen. Deshalb bieten wir auch dieses Jahr wieder eine Reihe von Veranstaltungen an, die nicht nur eine Begegnung mit "fremden" oder unbekannten Kulturen ermöglichen. Interkulturell bedeutet wörtlich: Zwischen den Kulturen, also ein Dialog.
Seit Jahrhunderten findet ein reger Kulturaustausch zwischen Europa und anderen Kontinenten statt. Wie allzu wenig bekannt, basiert die europäische Zivilisation im bedeutsamen Maße auf Kulturtransfers vor allem aus Amerika und Asien, hier wiederum aus dem Vorderen Orient. Die Kartoffel wurde aus Südamerika importiert. Die Lehren der christlichen Kirche beruhen maßgeblich auf der arabischen Überlieferung antiker Quellen. Aber auch die Naturwissenschaften (Medizin, Astronomie, Mathematik - wir schreiben arabische Ziffern!) sind von orientalischen Einflüssen gekennzeichnet. Nicht zuletzt geht der wirtschaftliche und kulturelle Aufschwung des 18. und 19. Jahrhunderts auf die so genannten Entdeckungen und spätere koloniale Inbesitznahme Afrikas und Amerikas zurück.
Der Umgang der Europäer mit fremden Kulturen war seit jeher von einem Zwiespalt bestimmt, der sich im Widerspruch zwischen Faszination und Abwehr bewegt. Typisch war und ist ein eher einseitiges Kosten-Nutzen-Denken als die Bereitschaft zu einem Dialog von Gleichberechtigten. Dieses Denk- und Handlungsmuster hat sich auch kaum in der Gegenwart geändert, obwohl gerade in der Nachkriegszeit Millionen Menschen aus den Mittelmeerländern nach Zentraleuropa einwanderten. Insbesondere in Deutschland dominiert eine Abwehrhaltung gegenüber den Einwanderern. Die Initiative, zur kulturellen Bereicherung beizutragen, wird den Einwanderern liebend gerne selbst überlassen. Daher fand bisher auch kaum ein konstruktiver Dialog im Sinne eines wechselseitigen Austausches statt, sondern es entwickelten sich Rand- oder gar Ghettokulturen, weil den Einwanderern der Zugang zu den etablierten Kulturinstitutionen und den Medien weitgehend verwehrt wird.
Die sprachlich-kulturellen Minderheiten haben aber ein eigenes Bewusstsein entwickelt. Das Ziel vieler Künstlerinnen und Künstler sowie einiger Gruppen ist eine rechtlich abgesicherte kulturelle Autonomie bei gleichzeitiger Möglichkeit zum Dialog mit der Mehrheitsgesellschaft. Daher ist allerdings ein höherer Grad an Demokratie im Kulturbetrieb notwendig, welcher noch in Aussicht ist.
Es ist an der Zeit, die einseitige Initiative zum Dialog zu überwinden. Die Veranstaltungsreihe will in Lübeck die Randlage der Minderheitenkulturen im Ansatz verändern, indem Künstlerinnen und Künstler sowohl der Einwandererminderheiten als auch der Mehrheitsgesellschaft zum Gespräch und Gedankenaustausch, zu gemeinsamen Lesungen und Auftritten zusammengebracht werden sollen. Dabei soll versucht werden, eine möglichst breite Palette von Nationalitäten (Kulturen) und berücksichtigen. Konfrontation, das Mit- und Durcheinander verschiedener Konzepte und Persönlichkeiten soll erprobt werden.
Kurz gesagt: Kultur soll nicht von der Perspektive einer Minderheit oder anderen Gruppen präsentiert werden, sondern Kultur soll eine Plattform sein, die Blicke von unterschiedlichen Perspektiven auf die Menschen dieser Gesellschaft ermöglicht.
Weitere Informationen:
IKB Haus der Kulturen
Parade 12
23552 Lübeck
Tel.: 0451 / 7 55 32, Fax: 0451 / 7 33 45, e-mail: ikbhl@foni.net Autor: Joachim Nolte Aus rechtlichen Gründen können wir Bilder nicht mehr zur Verfügung stellen.
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