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05.03.2016 09.31


Schostakowitsch-Oper: Der Pope wird zur Popfigur

Als Lübecker Erstaufführung kam am Freitag im Großen Haus des Theaters die Oper "Lady Macbeth von Mzensk" von Dmitri Schostakowitsch heraus. Großer Aufwand an Menschen und Maschinen (Drehbühne). Vor allem aber großartige Leistungen von Orchester, Solisten und Chor. Langanhaltender Schlussapplaus des begeisterten Premierenpublikums.



Mit dieser, seiner zweiten Oper hat Schostakowitsch (1906-1975) ein Kapitel Kulturkampf erlebt. Das Werk, zwischen 1930 und 1932 geschrieben, wurde im Januar 1934 erfolgreich in Leningrad und Moskau aufgeführt. Der Erfolg blieb ihm zwei Jahre lang treu. 1936 sahen sich Stalin und Molotow eine Aufführung in Moskau an. Zwei Tage später erschien ein vernichtender Artikel in der Prawda. Überschrift: "Chaos statt Musik". Manche vermuten Stalin als Autor. Der Komponist fürchtete um sein Leben. Die Oper wurde verboten, auch in Hitlers Deutschland nie gespielt. Eine deutsche Fassung kam 1959 in Düsseldorf heraus. Erst als der weltberühmte Cellist Mstislav Rostropowitsch 1979 eine Abschrift der Urfassung in den Westen brachte, war das Interesse geweckt.

Die Handlung basiert auf einer Erzählung von Nikolaj Leskov (1831-1895). Katerina, die Frau eines frigiden, impotenten oder homosexuellen Kaufmanns, lebt quasi als Gefangene einer Männerwelt, die vom brutalen Schwiegervater Boris angeführt wird. Als ihr Ehemann auf Reisen ist, nähert sich der Frauenvernascher Sergej der jungen Chefin. Im Sturm entzündet er ihr Verlangen. Der Schwiegervater überrascht das Paar, Katerina vergiftet ihn. Der Ehemann kehrt heim, wird ebenfalls beseitigt. In die Hochzeitsfeier von Katerina und Sergej platzt die Polizei, die die zweite Leiche entdeckt hat. Verbannung nach Sibirien ist die Folge. Im Gefangenenlager beginnt Sergej eine neue Liebelei. Katerina treibt die Nebenbuhlerin ins Wasser und nimmt sich selbst das Leben.

Zu der aufwühlenden, oft schrillen Musik kann man die vier Akte sehr drastisch inszenieren. Regisseur Jochen Biganzoli verzichtet auf naturalistisch wiedergegebene Vergewaltigungen oder Ströme von Blut bei der Auspeitschung des Sünders Sergej. Das brutale Geschehen kommt in der Musik zum Ausdruck, und die Regie illustriert es mit Filmsequenzen, die die gesamte Fläche der Bühnendekoration ausfüllen. Dabei knistert es durchaus vor Erotik, wenn die lebenshungrige Katerina durch die Räume des großen Hauses irrt und überall auf Paare trifft, oder die Köchin (Andrea Stadel) von den Arbeitern begrapscht wird.



Bühnenbildner Wolf Gutjahr stellt einen runden "Gasometer" auf die Drehbühne, einen "goldenen Käfig", in dem die aus einfachen Verhältnissen stammende Katerina gefangen ist. Der "Käfig" öffnet sich und gibt eine Flut hoher, enger Räume frei. Hier herrscht das System, notfalls mit Gewalt, aus dem Katerina sich befreien will. Die ersten beiden Morde geschehen auf offener Szene. Die Opfer Nr. drei und vier sterben im Off. Man hört nur die Schreie der ertrinkenden Frauen.

Gerade die Schlussszenen haben es in sich. Während sie an anderen Theatern brutal ausgespielt wurden, stehen in Lübeck Stühle vorn auf der Bühne. Dahinter gehen die übrigen Gefangenen, alle festlich gekleidet (Kostüme: Katharina Weissenborn). Sie kommen gerade von der Hochzeit. Was sich im Gulag in Sibirien abspielt, wird als Zeichnung in Grautönen auf die Rückwand projiziert. Die Protagonisten, Katerina, Sergej und seine neue Geliebte, stehen in Abendgarderobe fast an der Rampe und besingen ihr Schicksal. Das fesselt erstaunlicherweise, obwohl es nicht Realität, sondern "nur Theater" ist.

Zwischendurch gibt es in dieser blutrünstigen Geschichte auch viel Heiteres. Die Polizeistation, auf der der zweite Mord verhandelt wird, ist ins Parkett verlegt, wird zur Groteske. Der Polizeichef (Steffen Kubach) singt sogar Deutsch. Ansonsten wird die russische Sprache verwendet. Die Übertitelungsanlage tut gute Dienste. Da gerade Hochzeit gefeiert wird, fliegen bunte Luftballons über die Köpfe des Publikums. Blanke Satire sind auch die Auftritte des Pfarrers (Seokhoon Moon). Hätte man ihm nicht ein russisches Patriarchenkreuz auf die nackte Brust tätowiert, würde man ihn nicht erkennen. So wird der Pope zur Popfigur.

Immer wieder taucht als heitere Figur "der Schäbige" (Guillermo Valdés) auf. Er bewährt sich auch als Todesengel. Die Regie erfand einen eigenwilligen Rahmen. Zwei Sätze aus dem 8. Streichquartett von Schostakowitsch bilden Anfang und Ende. Angeblich hört man in dieser Musik die Auseinandersetzung des Komponisten mit dem Sowjetstaat. Das mag stimmen. Die Oper wäre auch so stimmig. Brillant schlug sich das Orchester. Kapellmeister Andreas Wolf entfesselte nicht nur die Klangfluten. Er achtete auch auf lyrische Zwischentöne.

Mit Beifall und Bravos überschüttet wurde Irina Rindzuner in der Titelrolle. Ihre Stimme brachte die gesamte Gefühlsskala von Liebe, Sehnsucht, Empörung und Hass zum Ausdruck. Auch die Männerrunde zeigte große Leistungen: Taras Konoshchenko als Boris, John Uhlenhopp als Sergej, Daniel Jenz als junger Kaufmann. Der Abend ist ein erneuter Beweis für die Leistungsfähigkeit des Lübecker Theaters.

Weitere Vorstellungen finden am 12. März, am 1. und 15. April statt. Beginn ist jeweils 19.30 Uhr. Eine Einführung gibt es eine halbe Stunde vorher.

Autor: TD

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