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Freitag,
der 25. Mai 2018






Erinnerung an den Holocaust

Die Holocaust-Überlebende und israelische Künstlerin Sara Atzmon ist in Lübeck zu Gast und gestaltet in Schulen eine Geschichtsstunde der besonderen Art. Am Mittwoch war sie im Thomas Mann Gymnasium.



Gleich bei ihrem Eintreffen machte Sara Atzmon klar, dass sie nicht auf der Bühne sitzen würde. Sie wollte dicht dran sein an den Schülerinnen und Schülern und suchte auch sofort das Gespräch mit einigen in der ersten Reihe. Es geht der Zeitzeugin, die selbst 22 Enkel im Alter der Jugendlichen hat, darum, durch die Schilderung ihrer Erlebnisse aufzuklären, wohin Rassismus und Hass führen können.

Die heute in Israel lebende 84-jährige Jüdin Sara Atzmon berichtete den Schülerinnen und Schülern des 9. Und Q2-Jahrganges am 31. Januar von ihrem Leidensweg während der NS-Diktatur, begleitet von ihrem Mann Uri und der Mitarbeiterin der Gedenkstätte Yad Vashem, Ebba Tate.



Schulleiter Peter Flittiger schlug bei seiner Begrüßung einen Bogen zur aktuellen politischen Situation. Mit einem Zitat des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland belegte er, dass im Deutschen Bundestag mittlerweile Vertreter einer Partei sitzen, die einer Verdrängung der nationalsozialistischen Verbrechen das Wort reden und sich offen antisemitisch äußern. Solchen Haltungen gelte es entgegenzutreten durch Aufklärung. Eine Zeitzeugin befragen zu können, bezeichnete Flittiger als besondere Chance, die nur noch selten bestehe.

In der mit über 200 Jugendlichen voll besetzen Aula herrschte gebannte Stille, als Sara Atzmon dann zu berichten begann:

Die aus der ungarischen Stadt Debreczin stammende Sara Atzmon, geborene Gottdiener, war sieben Jahre alt, als sie mit ihrer Familie in ein österreichisches Arbeitslager deportiert wurde. Es waren die Details in Sara Atzmons Bericht, die die Grausamkeit des NS-Regimes aufscheinen ließen. Zum Beispiel wurde ihrem Vater der Bart abrasiert, eine schwere Demütigung für einen Rabbiner.

Später, als die Familie auf einem Bauernhof harte körperliche Arbeit verrichten musste, starb ihr Vater geschwächt von den vielen Entbehrungen. "Der SS-Offizier, der uns bewachte, gestattete, dass zehn jüdische Männer aus dem Nachbarort kommen und das Kaddisch, das Trauergebet, sprechen durften", schilderte die Zeitzeugin. Das zeige, dass es auch innerhalb eines brutalen Systems Spielräume für Menschlichkeit gegeben habe.

Mit 96 weiteren Häftlingen, die sich einen Eimer Wasser und einen zweiten Eimer für die Notdurft teilen mussten, wurde sie 1944 in einem Viehwagon nach Ausschwitz deportiert. Der Transport erreichte allerdings nicht sein Ziel, weil das Vernichtungslager überfüllt war, und wurde zum Konzentrationslager Bergen-Belsen umgeleitet. Seuchen, Hunger und brutale Willkür waren dort an der Tagesordnung. Häftlinge wurden zu Versuchszwecken vorsätzlich mit Typhus infiziert, der Anblick bis auf die Knochen abgemagerter Leichen und der Gestank nach Verwesung seien Normalität gewesen. Ob sie immer die Hoffnung behalten habe, dieses Grauen zu überleben, wollte Fynn wissen. Die Frage bejahte Sara Atzmon ausdrücklich. Kraft habe ihr die Tatsache gegeben, nicht allein, sondern mit weiteren Familienangehörigen im Lager zu sein.

Auf 17 Kilogramm abgemagert wurde Sara Atzmon, inzwischen 12 Jahre alt, schließlich von amerikanischen Soldaten am 13. April 1945 aus einem Viehwagon befreit, den SS-Wachleute auf dem Weg nach Auschwitz auf den Gleisen hatten stehen lassen. Zum zweiten Mal war sie damit dem Vernichtungslager entkommen. Einen der 16 GIs, die den Transport befreit haben, traf Sara Atzmon vor kurzem in den USA. "Das war ein unbeschreibliches Gefühl, meine Retter noch einmal wiederzusehen", schilderte Sara Atzmon. Über 60 Familienangehörige aber sind der nationalsozialistischen Diktatur zum Opfer gefallen.

Sara Gottdiener emigrierte nach Kriegsende als Waise nach Palästina. Dort besuchte sie zum ersten Mal eine Schule und engagierte sich später für den jungen Staat Israel, heiratete den Israeli Uri Atzmon und fing erst 40 Jahre nach der Shoa an, über das zu erzählen, was ihr widerfahren war. Früher, so sagte sie dazu befragt, habe sie sich den grauenvollen Erlebnissen und inneren Bildern nicht zu stellen vermocht.

Im Alter von 55 Jahren fing Sara Atzmon schließlich an zu malen. "Worte vermögen nicht auszudrücken, was in mir vorgeht", berichtete die Zeitzeugin. "Sie sind vergänglich. Bilder hinterlassen einen bleibenden Eindruck." Einige dieser ausdrucksstarken Gemälde waren während ihres Berichts im Hintergrund zu sehen.

Warum sie diese Erlebnisse erzähle, fragte Sara Atzmon am Ende der Veranstaltung die Schülerinnen und Schüler und erklärte dann selbst, sie wolle, dass junge Menschen im Wissen um die Verbrechen der Nationalsozialisten Verantwortung übernehmen für die Gestaltung einer Gesellschaft ohne Diskriminierung und Ausgrenzung. Ihr Mann Uri Atzmon rief die Jugendlichen dazu auf, im Alltag nicht wegzusehen, wenn Ungerechtigkeiten geschehen. Frühzeitig einzugreifen, Zivilcourage zu zeigen sei wichtig. Mit der Metapher vom Feuer, das sich immer weiter ausbreitet und schließlich ein ganzes Haus vernichtet, machte er deutlich, dass jeder in seinem Umfeld einschreiten solle, bevor Rassismus und Diskriminierung in einer Gesellschaft immer weiter zunehmen und mehrheitsfähig werden.

Zum Schluss holte Sara Atzmon eine Mundharmonika hervor und spielte für ihr Publikum eine Melodie, die ihr Vater nach seinem Synagogenbesuch am Sabbat immer gespielt hatte. Berührt applaudierten die Schülerinnen und Schüler, bedankten sich bei Sara Atzmon für ihr Kommen und dass sie sie an ihren schmerzhaften und belastenden Erlebnissen hatte teilnehmen lassen.

"Sollte jeder Jugendliche in seiner Schulzeit ein Konzentrationslager besuchen?" "Haben die Deutschen gewusst, was mit den Juden geschah?" Obwohl die Zeitzeugin viele Fragen beantwortete, bleibt viel Gesprächsstoff für die Geschichtsstunden der kommenden Wochen. Die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit wird weitergehen. Jede Genration wird sich der Frage stellen, wie sie damit umgehen will.

Weitere Informationen: www.saraatzmon.org/de/

Organisatorin Andrea Finke-Schaak, Bürgermeister Bernd Saxe, Sara Atzmon und Kultursenatorin Kathrin Weiher beim Empfang im Rathaus. Fotos: Harald Denckmann, Mechthild Piechotta (2)

Organisatorin Andrea Finke-Schaak, Bürgermeister Bernd Saxe, Sara Atzmon und Kultursenatorin Kathrin Weiher beim Empfang im Rathaus. Fotos: Harald Denckmann, Mechthild Piechotta (2)


Text-Nummer: 119889   Autor: M. Piechotta   vom 31.01.2018 22.53

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