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HL-live.de - Nachrichten aus Lübeck

Sonntag,
der 16. Juni 2019






Russische Oper Boris Godunow: Politik als Kasperletheater

Manche Bühnenwerke haben Schicksale, fast wie Menschen. Die bekannteste Oper des russischen Komponisten Modest Mussorgsky, "Boris Godunow", gehört dazu. Mehrere Male wurde sie umgearbeitet, erweitert, im Klang "verschönt". Am Theater Lübeck ist nun die Urfassung aus den Jahren 1868/69 zu sehen. Am Freitag war Premiere.



Der Komponistenkollege Nikolai Rimsky-Korsakow riet Mussorgsky, die Musik gefälliger, glatter zu orchestrieren, einige Bilder hinzuzufügen, zum Beispiel eine ausführliche Liebesgeschichte, Bilder einzubauen, die nicht in Russland, sondern in Polen spielen, wo sich die Feinde des Zaren sammeln. Rimsky-Korsakow erstellte die neue Orchesterfassung. So erlebte die Langfassung anno 1874 in St. Petersburg ihre Uraufführung.

Später hat Dimitrij Schostakowitsch eine weitere Orchestrierung vorgenommen, die in Deutschland gern verwendet wird. Erst in jüngster Zeit greifen Regisseure auf "das Original" zurück, wie jetzt in Lübeck. Die Einstudierung besorgte Peter Konwitschny, der von der Fachzeitschrift "Opernwelt" 2018 wiederum zum "Regisseur des Jahres" gekürt wurde. Dabei ist das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Nürnberg und der Oper im schwedischen Göteborg entstanden. Für Lübeck allein wäre es finanziell nicht zu stemmen, sagte Operndirektorin Katharina Kost-Tolmein in einem Pressegespräch.

Das geschieht immer mit dem jeweils eigenen Ensemble, aber immer mit der gleichen Grundidee. Zum Beispiel, um zu zeigen, wie sehr Macht den Charakter verdirbt. Wer sie erlangen will, geht über Leichen. Wer sie hat, will sie nicht mehr hergeben. Das Volk wird unwichtig, wird nur gebraucht, um Beifall zu zollen. Brot und Spiele hielten die Massen im alten Rom ruhig, Konsum, Wohlstand für alle tun es heute.

Die politische Machtausübung sieht Regisseur Peter Konwitschny als Theater, sogar als Kasperletheater. Deshalb steht in der Ausstattung von Timo Dentler und Okarina Peter im ersten Bild eine Kasperbühne. Die Sänger hantieren mit großen Puppen, singen daneben ihre Partien. Das russische Volk liegt, mit Wodka ruhig gestellt, vor den Palästen der Aristokratie und wartet auf die Befehle zum Jubeln.

In den weiteren Bildern bietet Konwitschny dann große Oper. Im goldenen Zarenpalast spielen die Kinder des Boris. Der Herrscher sieht sich durch Gerüchte um das Auftauchen des tot geglaubten legitimen Thronerben bedroht, wird brutal, verfällt in Raserei und Wahnsinn, verzieht sich schließlich, als Tourist verkleidet, in den Orchestergraben.

Bunt geht es zu, wenn aus dem elenden, hungernden Volk Russlands aus der Zeit um 1600 gegen Ende unsere moderne Gesellschaft wird. Statt ums Goldene Kalb tanzt Groß und Klein um einen grellfarbenen riesigen aufblasbaren Einkaufswagen auf rutschiger Unterlage: Die Menschen auf Schnäppchenjagd. Viele Bilder, viele Assoziationen, viel Gesprächsstoff nach der 135 Minuten langen, ohne Pause durchgespielten Aufführung.

Chöre und Orchester leisten Großes. An seine frühere Wirkungsstätte zurückgekehrt ist Dirigent Ryusuke Numajiri. Allerdings gibt er die musikalische Leitung schon bei den nächsten Vorstellungen ab. Gute Stimmen sind zu erleben.

In der Reihenfolge im Programmheft sind das Ernesto Morillo in der Titelpartie, ein kraftvoller Bass mit vielen Spielanteilen, Evmorfia Metaxaki als Zarentochter, Wioletta Hebrowska in der Hosenrolle des Zarewitsch, Julia Grote in der Doppelrolle als Amme und Wirtin, Alexander James Edwards und Steffen Kubach als Höflinge.

Denis Velev setzt einen abgrundtiefen Bass als Mönch Pimen ein. Tobias Hächler mit strahlkräftigem Tenor gestaltet die Partie des Mönches, der Zar werden will. Anrührend der Gottesnarr von Hojong Song und viele andere mehr. Das Publikum, das zwischen den Bildern nur spärlich applaudiert hatte, klatschte am Schluss anhaltend.

Die nächsten Termine sind am 2., 15. und 22. Februar, jeweils von 19.30 bis 21.45 Uhr.

Der Einkaufswagen als Goldenes Kalb unserer Tage. Fotos: Steffen Gottschling

Der Einkaufswagen als Goldenes Kalb unserer Tage. Fotos: Steffen Gottschling


Text-Nummer: 127594   Autor: TD   vom 26.01.2019 09.01

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