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HL-live.de - Nachrichten aus Lübeck

Freitag,
der 23. August 2019






Lübeck:

Die Geheimnisse der Mauer von St. Jürgen

Man muss schon ganz genau hinschauen, um sie zu sehen: Die zehn Jungfrauen auf der Mauer an der St. Jürgen-Kapelle. Sie begleiten die Besucher*innen hinein in die kleine Kirche an der Ratzeburger Allee. Teils sind sie von Efeu und Wein überwachsen, teils verwittert, von vielen mit der Zeit vergessen.

Pastor Jonathan R. Ide und Hella Thomas vom St.-Jürgen-Bauverein wollen die Kunstwerke wieder ins Bewusstsein der Menschen holen. Sie bereiten derzeit das Projekt "Von Mauern und Jungfrauen" vor, in dessen Mittelpunkt eine Ausstellung im Herbst stehen wird. Die Entwürfe der zehn Jungfrauen aus den 1970er Jahren sind noch vorhanden. Der Bauverein hat sie auf mannshohe Tafeln drucken lassen. Sie werden in der St. Jürgen-Kapelle ausgestellt.

Hella Thomas recherchiert derzeit die Entstehungsgeschichte der Reliefe. Dazu hat sie alte Zeitungsartikel und Gemeindebriefe gesichtet, war im Archiv des Kirchenkreises Lübeck-Lauenburg und spricht mit Menschen aus der Gemeinde, die sich an die Entstehungsgeschichte erinnern können. Die war nicht ganz unstrittig, weiß Pastor Jonathan R. Ide. Als die Ratzeburger Allee Ende der 1960er Jahre mehrspurig ausgebaut wurde, hat sich die Kirchengemeinde entschlossen, den gusseisernen Zaun entlang des Friedhofs und der Kapelle durch eine Mauer aus Beton zu ersetzen. Das hübsche Entree in die beliebte Hochzeitskirche wurde verlegt, der filigrane Zaun wich einem massiven Schall- und Sichtschutz. "Ein Teil des Zauns steht heute vor dem Alten Zolln in der Lübecker Innenstadt", sagt Jonathan R. Ide.

Mit den Jahren ist die Mauer durch Wein und Efeu berankt. Über die Jahrzehnte ist immer mehr Beton rund um das historische Ensemble von Kapelle, Gemeindehaus und Friedhof verbaut worden. "Die Urbanisierung ist hier so deutlich zu spüren", sagt Pastor Jonathan R. Ide. Ratzeburger Allee, St. Jürgen-Ring und zuletzt das Baugebiet Wasserkunst haben der Lübecker Vorstadt auf kleiner Fläche ein anderen Gesicht gegeben. "Wir haben hier in dem ganz Trubel eine kleine Oase", sagt Hella Thomas. "Ich nehme die Mauer heute tatsächlich als Schutz entlang dieses kleinen Idylls wahr."

Die zehn Jungfrauen entlang der Innenseite sind nicht die einzigen Kunstwerke an der Mauer. An der Straßemseite finden sich zwei Reliefe: Ein Pärchen, das sich Augen und Ohren zu hält. Außerdem gibt es eine Figur mit einer ehemals vergoldeten Kugel. Oberhalb ist ein kleines Loch in der Mauer. "Es heißt, das sei der Teufel, der den Pastor während der Beerdigung mit der Kugel bewerfen will", sagt Johanthan R. Ide.

Die Mauer wurde 1971 gebaut und 1973 gestaltet. Geplant hat sie der Lübecker Architekt Prof. Dr. Martin Botsch. "Ich freue mich sehr darüber, dass Herr Botsch während eines Werkgesprächs etwas über seine Arbeit erzählen wird", sagt Pastor Jonathan R. Ide. Zusätzlich zur Ausstellung wird es verschiedene Gottesdienste in der St. Jürgen-Kapelle geben, die sich mit dem Thema auseinander setzen. Die Reliefe gehen zurück auf das Gleichnis der fünf törichten und fünf klugen Jungfrauen aus der Bibel, das Jesus seinen Jüngern erzählt. Pastor Jonathan R. Ide ist gespannt auf Arbeit an dem Gleichnis für die geplanten Gottesdienste mit ganz unterschiedlichen Gemeindegruppen.

Dabei verhält es sich wohl ganz ähnlich wie an der Mauer entlang der Ratzeburger Allee: Man muss ein bisschen Zeit haben und ganz genau hinschauen, um die zehn Jungfrauen im Relief zu erkennen.

Die Veranstaltungsreihe beginnt am 20. Oktober. Die Termine werden rechtzeitig angekündigt.

Genau hinschauen: Pastor Jonathan R. Ide und Hella Thomas zeigen auf ein Relief an der Mauer entlang der Ratzburger Allee. Foto: Ines Langhorst

Genau hinschauen: Pastor Jonathan R. Ide und Hella Thomas zeigen auf ein Relief an der Mauer entlang der Ratzburger Allee. Foto: Ines Langhorst


Text-Nummer: 131811   Autor: Ines Langhorst   vom 25.07.2019 14.25

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