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HL-live.de - Nachrichten aus Lübeck

Sonnabend,
der 21. September 2019






Lübeck:

Grass, Kehlmann und die Welt des Barocks

Das Günter Grass-Haus lässt in einer Sonderausstellung vom 26. August bis 16. Februar die Welt des Barocks aufleben und fragt, was die Probleme und Gedanken von damals aktuell für uns bedeuten können.

Die Ausstellung "Grass, Kehlmann und die Welt des Barocks" wagt einen Ritt durch die Jahrhunderte und führt die Besucher vom Dreißigjährigen Krieg über die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute – in die Zeit des syrischen Bürgerkriegs. Im Zentrum stehen die Erzählung "Das Treffen in Telgte" von Günter Grass und der Roman "Tyll" von Daniel Kehlmann. Beide Autoren blicken in ihren Werken zurück in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts, als in Europa ein verheerender Kampf um Glaube und Macht geführt wird.

Günter Grass lässt Barockdichter wie Gryphius oder Grimmelshausen 1647 in einem kleinen Ort nahe Osnabrück zusammenkommen. Sie diskutieren, lesen, streiten, beklagen die Schrecken des Krieges – zugleich wird geschlemmt, gezecht und geliebt. Das fiktive Dichtertreffen spiegelt Themen und Mitglieder der Gruppe 47. Dieser Kreis von Schriftstellern, Kritikern und Verlegern, zu dem auch Günter Grass zählt, prägt das literarische Leben in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich.

Die Autoren sehnen sich nach Frieden und kulturellem Aufbruch. In der Pflege der deutschen Sprache sehen sie ihre wichtigste Aufgabe ebenso wie darin, den kulturellen Austausch über territoriale und religiöse Grenzen hinweg zu fördern – 1947 wie schon 300 Jahre zuvor.

In Daniel Kehlmanns Roman "Tyll" zieht der bekannte Narr, Schausteller und Provokateur Tyll Ulenspiegel durch das vom Dreißigjährigen Krieg verwüstete Land. Er begegnet Figuren wie dem exilierten "Winterkönig" von Böhmen, dem melancholischen Henker Tilman oder dem sprechenden Esel Origenes. Kehlmann beschwört ein schrecklich-schönes Welttheater, in dem das Leben eine Bühne ist, auf der jeder nur seine Rolle spielt – und das unserer heutigen Welt nicht unähnlich ist.

Highlight der Sonderausstellung ist eine in der Mitte arrangierte Barocktafel, ein Stilleben, das in all seiner opulenten Pracht das Vanitas-Motiv des 17. Jahrhunderts aufgreift, die Idylle mittels der darin eingebetteten Videokunst des israelischen Künstlers Ori Gersht, die eine in tausend Teile explodierende Blumenvase zeigt, jedoch gleich wieder zerstört und damit das im Barock stets präsente Thema der Vergänglichkeit auf eine zeitgenössische Weise verarbeitet.

Anhand von Beispielen in den Werken von Grass und Kehlmann soll darüber hinaus der Frage nachgegangen werden, wie die Epoche des Barock in der Postmoderne rezipiert wurde.

Die Ausstellung wird am 26. August um 19.30 Uhr von Daniel Kehlmann im Theater Lübeck eröffnet. Der Autor spricht mit Dr. Jörg-Philipp Thomsa über die Barockzeit und seinen Roman "Tyll". Aus der Perspektive von Günter Grass wird die Epoche von Schauspielerin Christiane Paul beleuchtet, die aus dessen Erzählung "Das Treffen von Telgte" liest. Musikalisch begleitet wird die Veranstaltung durch Beiträge des Musiktheaterensembles des Theater Lübeck. Der Eintritt beträgt 20 Euro; ermäßigt 15 Euro. Im Anschluss kann die Ausstellung im Günter Grass-Haus besichtigt werden. Im Museumsgarten gibt es einen kleinen Empfang.

Daniel Kehlmann wird zur Eröffnung der Ausstellung anwesend sein. Foto: Beowulf Sheeham

Daniel Kehlmann wird zur Eröffnung der Ausstellung anwesend sein. Foto: Beowulf Sheeham


Text-Nummer: 132436   Autor: Museen/red.   vom 23.08.2019 13.39

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