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Faust op Platt bei der Niederdeutschen Bühne

Lübeck: Archiv - 18.12.2019, 09.34 Uhr: Die Niederdeutsche Bühne Lübeck wagte einen großen Schritt. Nach der schwungvollen Schlager-Revue zu Beginn der Spielzeit nun Goethes Doktor Faust. Ganz so dramatisch, wie sich das anhört, ist die Sache allerdings nicht. Goethe hat sich schon als Student mit dem Faust-Stoff beschäftigt und dabei angeblich an ein Spektakel für den Jahrmarkt gedacht. Das ist der Ausgangspunkt der Einstudierung von Karsten Bartels, die am Dienstag in den Kammerspielen Premiere hatte.

Der spätere Dichterfürst benutzte in seiner ersten "Faust"-Fassung den Frankfurter Heimatdialekt, und so kamen Übersetzer Friedrich Hans Schaefer und wohl auch der Lübecker Regisseur Karsten Bartels auf die Idee, eine plattdeutsche Fassung zu erstellen. "Dat Speel vun Dokter Faust" heißt diese Version. Sie hat den "Ur-Faust" als Grundlage, den Goethe in seinen frühen Zwanzigern verfasste.

Bild ergänzt Text Mephisto (Hendrik Müller) und der Schüler (Henrik von Piotrowski). Foto: ND Bühne

Bartels, der sich seit vielen Jahren mit dem Stoff beschäftigt, nahm Szenen aus dem späteren Meisterwerk, aus "Faust I" hinzu. Das ergibt eine durchaus stimmige und logische Szenenfolge, auch wenn Literaturforscher einwenden könnten, es verschiebe die Gewichte. Denn im "Ur-Faust" steht die Tragödie des armen Gretchen im Zentrum, die durch satanische Kräfte zur Kindsmörderin wird. Die Lübecker Inszenierung bietet dafür im Kern "den ganzen Faust". Jedenfalls so, wie viele Zuschauer ihn aus der Schulzeit im Gedächtnis haben mögen.

Sicher scheint, dass der junge Goethe in Frankfurt einen Gerichtsprozess verfolgte, in dem eine junge Frau, Susanna Margaretha Brandt, als Mörderin verurteilt und mit dem Schwert hingerichtet wurde. Dieser Fall und eigene Erlebnisse haben den Dichterfürsten offenbar zu einer lebenslangen Auseinandersetzung mit dem Stoff geführt. Zwischen dem Beginn des "Ur-Faust" und dem Abschluss von "Faust II" liegen immerhin rund 60 Jahre.

Bild ergänzt Text Das Liebespaar im Garten, Johanna Martini und Hans-Gerd Willemsen. Foto: ND Bühne.

Bartels hat sehr gründlich mit seinen Darstellern gearbeitet, sie geformt und geführt. Man spielt auf einer kleinen Bühne, wie sie wohl schon im Mittelalter auf Jahrmärkten und bei Volksfesten aufgeschlagen wurde. In Lübeck waren für sogenannte Fastnachtsspiele übrigens unverheiratete Zirkelbrüder zuständig, deren Theaterkarren durch die Stadt gezogen wurde. Hans-Gerd Willemsen gibt den Faust besonders überzeugend. Er ist schon in die Jahre gekommen und wird, wie im "Ur-Faust", nicht durch Zauberei verjüngt. Hendrik Müller als Mephisto ist süffisant-satanisch, ironisch, in Maßen boshaft. Dem Gretchen von Johanna Martini – in der niederdeutschen Fassung heißt sie Greten – nimmt man die schwankenden Gefühlswelten gern ab. Anneli von Piotrowski als Nachbarin Marthe versucht zielgerichtet, selbst den Teufel einzufangen.

Heino Hasloop wandelt sich vom Herrgott zum alten Bauern; ein nicht alltäglicher Karrieresprung. Dem Schüler in Faustens Studierstube und später als Gretens Bruder Valentin gibt Henrik von Piotrowski jugendlichen Schwung mit. Dieter Koglin ist als Famulus Wagner immer auf der Suche nach neuem Wissen. Das Premierenpublikum ging konzentriert mit und applaudierte jedes Mal, wenn die roten Vorhänge des kleinen Theaterchens auf der großen Bühne geschlossen wurden. Weitere Vorstellungen in den Kammerspielen sind am 8. Januar sowie am 4. und 6. Februar vorgesehen.

Die Hauptdarsteller (v.li.) Hans-Gerd Willemsen (Faust),  Johanna Martini (Greten), Hendrik Müller (Mephisto). Fotos: Niederdeutsche Bühne

Die Hauptdarsteller (v.li.) Hans-Gerd Willemsen (Faust), Johanna Martini (Greten), Hendrik Müller (Mephisto). Fotos: Niederdeutsche Bühne


Text-Nummer: 135170   Autor: AE   vom 18.12.2019 um 09.34 Uhr

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