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Kunsthalle St. Annen: Literatur, gelesen und kommentiert

Lübeck: Archiv - 30.01.2020, 09.00 Uhr: Das Foyer der Kunsthalle St. Annen ist ausverkauft, wenn der Literaturkenner Hanjo Kesting zum literarischen Abend einlädt. Auch am Mittwoch mussten zusätzlich Stühle aufgestellt werden. Auf dem Programm stand der amerikanische Autor Herman Melville (1819-1891). Für die Lesung war Christian Brückner engagiert worden. Es gab freundlichen Applaus nach zwei Stunden konzentrierten Zuhörens.

Große Erzählungen der Weltliteratur behandelt Kesting in diesem Winter unter dem Motto „Erfahren, woher wir kommen“. Dabei gibt es nicht etwa eine Einführung zu Beginn, gefolgt von der Lesung. So geschieht das meistens. Im Museumsquartier St. Annen sind es Abende „von und mit Hanjo Kesting“. Das heißt, dass Abschnitte der Erzählung auf Stichwort in die Kommentierung eingebaut werden.

Viele Fragen wurden angesprochen, rund um den Verfasser, rund um Probleme bei der Übersetzung, rund um Möglichkeiten der Interpretation. Zum Autor führte Kesting aus, dass Herman Melville bei den meisten Menschen nur als Verfasser des Romans „Moby Dick“ bekannt sei. Dieser Roman erschien 1851. Zwei Jahre später veröffentlichte Melville die Erzählung „Bartleby, der Schreiber“ (Bartleby, the Scrivener). Diese Erzählung stand im Mittelpunkt des gestrigen Abends.

Bei „Moby Dick“ gebe es viele Missverständnisse, sagte Kesting eingangs. Viele halten den Roman für ein Jugendbuch, das man als Erwachsener nicht mehr in die Hand zu nehmen brauche. Dabei erweise sich dieser Roman bei jeder Beschäftigung als Fundgrube neuer Erkenntnisse und Einsichten.

„Moby Dick“ und auch die Erzählung vom Schreiberling Bartleby waren lange in Vergessenheit geraten. Nun aber wird die Erzählung wieder gelesen und interpretiert. Da sie sehr vielschichtig ist, ergeben sich immer neue Deutungsmuster. Sie werde als Protest gegen unsere bürokratisierte Arbeitswelt gesehen, aber auch als Geschichte eines Totalverweigerers und Aussteigers oder als Geschichte eines Menschen auf der Suche nach dem Erlöser.

Auch die Schwierigkeiten der Übersetzung beleuchtete Kesting. Schon bei einfachen Texten gelinge es kaum, ein Buch so zu übersetzen, dass Stimmung, Gehalt und Absicht des Autors zu 100 Prozent in eine andere Sprache übertragen werden. Bei Melville sei das noch wesentlich schwieriger, weil dieser Wortbilder, Begriffe, Wortkombinationen und eigene Sprachschöpfungen anhäufe.

Christian Brückner las mit seiner unverwechselbaren Stimme die Textabschnitte. Diese Stimme kennt jeder, weil Brückner sie Schauspielern wie Robert De Niro, Marlon Brando, Robert Redford und Warren Beatty lieh. Außerdem hat er Dutzende von Hörbüchern veröffentlicht, spricht für Rundfunk und Fernsehen. Vielerorts wird er deshalb einfach „The Voice“ genannt. Der nächste Kesting-Abend in der Kunsthalle beschäftigt sich mit der Novelle „Mozart auf der Reise nach Prag“ von Eduard Mörike, und zwar am 26. Februar.

Hajo Kesting lädt regelmäßig zu den literarischen Abenden in St. Annen ein. Foto: Peter Köhn

Hajo Kesting lädt regelmäßig zu den literarischen Abenden in St. Annen ein. Foto: Peter Köhn


Text-Nummer: 135926   Autor: TD   vom 30.01.2020 um 09.00 Uhr

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