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Zur schönen Aussicht: Alles tanzt nach meiner Peitsche

Lübeck: Archiv - 01.02.2020, 09.09 Uhr: Geld regiert die Welt! Das behauptet zumindest der Volksmund. Die Theaterstücke eines Ödön von Horváth (1901-1938) könnte man als Belege anführen. Zum Beispiel die bitterböse frühe Komödie „Zur schönen Aussicht“. Friederike Harmstorf inszenierte das Stück aus dem Jahre 1926 in den Kammerspielen. Das ergab einen spannenden Theaterabend, der bei der Premiere am Freitag starken Beifall erhielt.

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Sieben Personen bietet Horváth auf, zwei Frauen und fünf Männer. Die „Schöne Aussicht“ ist ein heruntergekommenes Hotel, das nach einer schlechten Saison vor der Pleite steht. Hoteldirektor Strasser und seine Angestellten leben vom Geld der mannstollen, alternden Baronin von Stetten. Sie hat sich für den Winter als einziger Gast einquartiert und behandelt die im Hotel Arbeitenden als Sklaven ihrer Lust.

Der Chef, die Kellner, der Chauffeur – alle müssen nach ihrer Peitsche tanzen. Sie ist aber durchaus bereit, auch männliche Besucher des Hotels zu empfangen. Und einige Herren tauchen auf. Da ist der Weinvertreter Müller, der gekommen ist, Schulden einzutreiben. Da erscheint zum anderen der Zwillingsbruder der Baronin, der Geld braucht, um seine Spielschulden zu begleichen.

Als Störfaktor tritt das Mädchen Christine hinzu, das vom Urlaub im Jahr zuvor nach einer Liebelei des Herrn Direktors Mutter geworden ist. Sie kommt, um im Hotel zu leben und zu arbeiten. Damit beginnt das Dilemma. Denn der Hoteldirektor ist ja nicht mehr Herr seiner Entscheidungen, sondern Lustobjekt der alten Dame.

Und so hecken die Herren, die vom Geld der Baronin abhängen, ein fieses Komplott aus, um Christine als Hure abzustempeln. Aber da wendet sich das Blatt. Die Karten werden neu gemischt. Christine kann abrechnen. So gut haben es spätere Horváth-Mädchen nicht.

Lina O. Nguyen hat ein symbolträchtiges Bühnenbild geschaffen. Den Hintergrund bildet eine von Höhlen durchzogene verschneite Berglandschaft. In halber Bühnenhöhe befindet sich die obere Spielfläche, die ein Pendant vor der Rampe hat. Zwischen den Laufstegen oben und unten liegt eine schräge Fläche. Alles und alle kommen ins Rutschen. Abwärts heißt die Richtung.

Regisseurin Friederike Harmstorf siedelt ihre Inszenierung als flottes Spiel zwischen schwarzer Komödie und sarkastischem Treiben an. Das hat Biss, reißt den Figuren die Maske vom Gesicht. Sie lässt ohne Pause durchspielen, bietet exakt 80 Minuten spannender Unterhaltung.

Gabriele Völsch als Baronin hat ihren großen ersten Auftritt zu einem Ohrwurm von Puccini, „O mio babbino caro“. Singt nicht sogar die Callas? In der ersten Begegnung mit dem bankrotten Bruder ist sie bösartig wie Dürrenmatts „Alte Dame“. Meistens aber ist sie fixiert auf die Befriedigung ihrer Lüste.

Das genaue Gegenstück ist die Christine von Rachel Behringer. Sie fällt von einem Entsetzen ins andere, durchschaut dann aber schnell, welch fieses Spiel mit ihr getrieben wird und kann den Spieß umdrehen. Matthias Hermann als Kellner Max liefert eine echte Horváth-Figur, doppelbödig, eigentlich zu anständig fürs Komplott. Michael Fuchs, der Autolenker, läuft als Kraftprotz mit dunkler Vergangenheit durch die Szene.

Robert Brandt gibt einen fahrigen, überdrehten, sich in Selbstmitleid ergehenden Weinvertreter. Der Hoteldirektor von Jan Byl befindet sich immer auf der Rutschbahn des Schicksals, macht das Schäbige der Figur deutlich. Sven Simon, der verkrachte Baron, hat jede Menge hohler Töne und Gefühle zur Verfügung. Zum Schluss erklingen verzerrt ein paar Takte aus Beethovens „Ode an die Freude“.

Freude hat im Grunde niemand auf der Bühne, dafür das Publikum an einer Inszenierung, die den Text ernst nimmt und ihn überaus lebendig umsetzt. Nobelpreisträger Peter Handke befand vor Jahren: „Horváth ist besser als Brecht“, stellt ihn auf eine Stufe mit Shakespeare und Tschechow. Darüber kann man diskutieren. Die nächste Vorstellung ist am Sonntag um 18.30 Uhr (Eintritt am Theatertag elf Euro), danach am 7. und 13. Februar.

Rachel Behringer als Christine mit Matthias Hermann als Kellner Max. Fotos: Marlène Meyer-Dunker

Rachel Behringer als Christine mit Matthias Hermann als Kellner Max. Fotos: Marlène Meyer-Dunker


Text-Nummer: 135980   Autor: TD   vom 01.02.2020 um 09.09 Uhr

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