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HL historisch: 150 Jahre Leben im Kabäuschen

Lübeck: Archiv - 12.07.2020, 12.47 Uhr: Nicht nur alle Lübecker, auch Gäste aus nah und fern kennen sie, die Kabäuschen im Langhaus des Heiligen-Geist-Hospitals. Mindestens einmal im Jahr, beim Weihnachtsmarkt des Verbandes Frau und Kultur, füllen sie sich mit neuem Leben. Vor 200 Jahren, um 1820, wurden sie eingebaut. 1970, vor 50 Jahren, mussten die letzten Bewohner ausziehen. Wieder einmal sollte gründlich saniert und umgebaut werden.

Das Heiligen-Geist-Hospital ist eine der ältesten Sozialeinrichtungen in Deutschland. Als Vorbild diente möglicherweise das Hospital „Santo Spirito in Sassia“ in Rom. Ein erstes Hospital zum Heiligen Geist stand im Bereich der Domherren, vermutlich an der Ecke Pferdemarkt/Marlesgrube. Da der Senat sich nicht vom Bischof kontrollieren lassen wollte, wurden Mitte des 13. Jahrhunderts andere Pläne geschmiedet.

Den Stadtbrand von 1276 nutzten die Verantwortlichen, um eine Fläche von etwa 10.000 Quadratmetern am Ostrand des Kobergs zu erwerben. Hier entstand das neue Hospital, das 1286 bezugsfertig war. Das Lübecker Heiligen-Geist-Hospital hat eine Besonderheit. Normalerweise liegt bei Klöstern und ähnlichen Einrichtungen die Kirche im Osten. Am Koberg wurde sie westlich vor das Langhaus gesetzt.

Die Kirchenhalle, die auch während des Jahres besichtigt werden kann, birgt Schätze. Zum Beispiel die reich vergoldeten Schnitzaltäre aus der Zeit um 1500, den Allerheiligenaltar und den Marienaltar. Wandmalereien, künstlerisch gestaltete Fenster und Einzelobjekte kommen hinzu. Bewundert wird natürlich auch der Lettner, der den Abschluss zum Langhaus bildet.

So spartanisch uns die Kabäuschen mit einer Fläche von vier Quadratmetern anmuten mögen – vor 200 Jahren bedeuteten sie einen großen Fortschritt. Zuvor nämlich standen die Betten der Bewohner in zwei Reihen an den Längswänden. Auf der einen Seite schliefen die Frauen, auf der anderen die Männer. Da im Mittelalter derart große Räume nicht beheizt werden konnten, gab es Aufwärmstuben, ebenfalls nach Geschlechtern getrennt. Selbst Ehepaare durften nicht zusammen wohnen.

Das Leben im Hospital war streng geregelt. Erste Ordnungen enthielten sogar Strafen. In Lübeck ist weithin bekannt, dass zur Verpflegung für jeden täglich drei Liter Bier gehörten. Der Grund ist darin zu suchen, dass man das Wasser aus der Wakenitz nicht trinken konnte. Durch die vielen Abwässer, die eingeleitet wurden, war es gesundheitsgefährdend. Allerdings war das Bier früher sicher weniger stark als heute. Es gab sogar ein Kinderbier.

Die Verantwortung für das neue Hospital lag bei der Stadt. Zu Verwaltern wurden die zwei ältesten Bürgermeister bestimmt. Vier Beisitzer wurden vom Senat hinzugewählt. Den Ablauf des täglichen Lebens überwachte ein von den Bewohnern gewählter „Meister“. Er musste dem Bischof Gehorsam versprechen. Bei den Querelen zwischen Bischof und Rat dürfte der Gehorsam oft vernachlässigt worden sein.

Erst im Laufe der Jahrhunderte wuchs das Hospital zu seiner heutigen Größe heran. Das Langhaus wurde verlängert, Wirtschafts- und andere Nebengebäude kamen hinzu. Die Ochsentreppe im Inneren des Gebäudes erinnert daran, dass im Keller sogar Rinder gemästet und geschlachtet wurden. Mehrmals wurden die Ordnungen der Zeit angepasst.

Mitte der 1960er Jahre beanstandeten Vertreter der Bürgerschaft die hygienischen Verhältnisse vor allem im Langhaus. Ein Aufnahmestopp wurde verhängt. 1970 zogen die letzten Bewohner der Kabäuschen aus. 1973 begann die Sanierung; 1976 waren die Arbeiten abgeschlossen. Heute verfügt das Heiligen-Geist-Hospital vor allem in den ehemaligen Wirtschaftsgebäuden über 61 Einzel- und zehn Doppelzimmer, so dass Platz für 81 ältere Menschen gegeben ist. Angeblich ist die Warteliste lang.

Vor 200 Jahren sind die Kabäuschen im Heiligen-Geist- Hospital gebaut worden. Vor 50 Jahren mussten die letzten Bewohner ausziehen. Foto: JW

Vor 200 Jahren sind die Kabäuschen im Heiligen-Geist- Hospital gebaut worden. Vor 50 Jahren mussten die letzten Bewohner ausziehen. Foto: JW


Text-Nummer: 139292   Autor: TD   vom 12.07.2020 um 12.47 Uhr

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