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HL historisch: Tragischer Tod von 72 Säuglingen vor 90 Jahren

Lübeck: Archiv - 02.08.2020, 10.07 Uhr: Vor 90 Jahren, im Sommer 1930, ging ein Ereignis aus Lübeck durch die Weltpresse, das die Lübecker Öffentlichkeit erschütterte. 72 Säuglinge und Kleinkinder starben im Lübecker Krankenhaus an Tuberkulose. An ihnen war eine Methode angewendet worden, die ihnen Schutz vor der schrecklichen Krankheit bieten sollte, das sogenannte Calmette-Verfahren. Die Krankenakten zeichnen erschütternde Bilder.

Zum Hintergrund: Gerade in den engen Wohngängen Lübecks erhielten die dicht aneinander stehenden Buden kaum Sonnenlicht und nicht genügend frische Luft. Viele Neugeborene starben in den ersten Lebensmonaten an Tuberkulose. Forscher im In- und Ausland suchten seit Anfang des 20. Jahrhunderts nach Abhilfe.

In Frankreich waren das in Zusammenarbeit mit dem Pariser Pasteur-Institut die Forscher Albert Calmette und Camille Guérin. Nach der von ihnen entwickelten Methode sollten Neugeborene mit einem Serum behandelt werden, das aus vielfach abgeschwächten Tuberkelbazillen gewonnen wurde. Ähnlich wie bei den Pocken sollte der Körper der Kleinkinder Abwehrkräfte entwickeln, die eine spätere ernsthafte Erkrankung ausschlossen.

Die Methode war nicht nur an Tieren, sondern auch an Menschen in mehreren Länder erprobt und verhieß Erfolg. Im Berliner Gesundheitsministerium diskutierte Ärzte den neuen Ansatz. Der überschaubare kleine Stadtstaat Lübeck beziehungsweise seine Gesundheitsexperten erboten sich, die Methode vor Ort auszuprobieren. Gespräche mit dem Leiter der Krankenanstalten und öffentliche Vorträge bereiteten den Boden vor.

Im Frühjahr 1930 wurden die ersten Säuglinge behandelt. Der Wirkstoff wurde nicht gespritzt. Die Babys wurden vielmehr damit gefüttert. Der verwendete Fachausdruck heißt darum Fütterung. Einige Zeit ging alles gut. Es gab zwar in einigen Fällen Nebenwirkungen; sie waren aber nicht gravierend. Das Unheil kam in der Ferienzeit. Der Leitende Mediziner und auch die Leiterin des Labors, in dem das Material für die Fütterungen vorbereitet wurde, waren im Urlaub.

Da der Wirkstoff immer bei 38 Grad Celsius aufbewahrt und gezüchtet werden musste, hatte man einen Schrank mit entsprechender Temperaturregelung aufgestellt. Dieser Automat war schon einmal ausgefallen, so dass die Kulturen verdarben. In diesem Schrank bewahrte der leitende Mediziner, der selber seit Jahrzehnten in der Tbc-Forschung tätig war, auch eine Kultur mit virulenten Tbc-Bakterien auf.

Im Laufe des Frühsommers 1930 traten immer häufiger Krankheitssymptome bei den nach dem Calmette-Verfahren behandelten Kindern auf. Die Ärzte hielten einen Zusammenhang für ausgeschlossen. Auch als die ersten Kinder starben, hielt man das für tragische Zufälle. Inzwischen sprach das Personal von „Calmette-Kindern“. Von 244 behandelten Kindern erkrankten 126 an Tbc. 72 von ihnen starben. Es war die größte Lübecker Katastrophe in Friedenszeiten im 20. Jahrhundert.

Untersuchungsausschüsse wurden eingesetzt, Gutachten bestellt. 1931 kam es zu dem sogenannten Calmette-Prozess, zu dem viele Berichterstatter aus dem Ausland anreisten. Es gab und gibt bis heute keine andere Erklärung, als dass die abgeschwächten Kulturen mit der virulenten verwechselt oder durch diese verunreinigt worden waren. Calmette selber hatte immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass jede neue Kultur zuerst an Tieren erprobt werden sollte. Das war offenbar hier nicht geschehen.

Jahre nach der Katastrophe hatte die Tragödie Folgen, die man im Stadtbild ablesen kann. Im Quartier zwischen Obertrave, Marles- und Hartengrube sowie unterhalb der Linie Pferdemarkt/Parade wurden Gangbuden abgerissen. Die Bewohner erhielten neuen Wohnraum. Zum Beispiel in den mehrstöckigen Gebäuden der unteren Marlesgrube. Dadurch entstanden anstelle der Gangbuden kleine grüne Binnenhöfe, die heute zum entspannten Ausruhen einladen, wobei natürlich niemand an die Tragödie vor 90 Jahren denkt.

Der Skandal zeigt sich auch im Stadtbild: Im Bereich wurden Gangbuden abgerissen und durch mehrstöckige Gebäude ersetzt. Foto: JW/Archiv

Der Skandal zeigt sich auch im Stadtbild: Im Bereich wurden Gangbuden abgerissen und durch mehrstöckige Gebäude ersetzt. Foto: JW/Archiv


Text-Nummer: 139608   Autor: TD   vom 02.08.2020 um 10.07 Uhr

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