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Gedanken zum Israelsonntag

Lübeck: Archiv - 15.08.2020, 09.00 Uhr: Pastorin i.R. Ellen Naß stellt den "Israelsonntag" in den Mittelpunkt ihrer Gedanken zum Wochenende. An diesem Tag stehen das Verhältnis zum jüdischen Volk und zum Staat Israel in den Mittelpunkt.

In der letzten Woche wurden in unserer Lübecker Synagoge die Sakralmöbel eingebaut. Ich stelle mir das ähnlich feierlich vor wie bei christlichen Kirchen die Einweihung einer neuen Glocke oder eines neuen Bildes. Nun können in Lübeck endlich feierliche jüdische Gottesdienste stattfinden.

Wir sind in der letzten Woche gerade aus dem Urlaub zurückgekommen, natürlich aus einem Urlaub in Deutschland. Da wir meistens im Ausland unterwegs waren, kenne ich Deutschland nicht so gut. Es war also eine Entdeckungstor.

Dabei habe ich Spuren jüdischen Lebens in Deutschland entdeckt. Ich war vor Jahrzehnten schon einmal in einem ehemaligen jüdischen Frauenbad in Süddeutschland, auch dass es in Lübeck eine Synagoge gibt, wusste ich. In einer Stadt wurde mit einer Gedenktafel an die Geschichte der jüdischen Gemeinde erinnert, mehr war nicht übrig geblieben. In einem anderen Ort konnte man noch die ehemalige Synagoge besichtigen. Sie war allerdings 1939 zerstört worden.

Besonders beeindruckend fand ich die Fotos von den Menschen, die diese Gebäude mit Leben erfüllt hatten und die Lebensgeschichten dazu. Da waren Kinder, die nach England in Sicherheit gebracht worden waren, viele andere, die ermordet worden waren. Wie schrecklich muss das damals für die betroffenen Menschen gewesen sein.

In der Pogromnacht 1939 waren die Häuser angegriffen und beschädigt worden – wenige Tage später war ein Schreiben der Bauaufsicht gekommen, die Statik des Gebäudes wäre nun nicht mehr sicher und es müsste leider geräumt werden. Dieser Zynismus tat einfach nur weh.

Seit fast 1700 Jahren leben Juden in Deutschland – 321 wurden sie das 1. Mal urkundlich erwähnt. Trotzdem werden sie teilweise noch immer nicht akzeptiert. Denn parallel zu diesen Erlebnissen hörte ich in den Nachrichten die Berichte über den Prozessbeginn in Halle. Ein Mann hatte versucht, am Yom Kippur Fest in die Synagoge zu gelangen, um Menschen zu erschießen, als es ihm nicht gelang, hat er auf der Straße zwei andere Menschen erschossen.

Morgen feiert die Kirche den „Israelsonntag“. Es ist der Sonntag im Jahr, an dem über unser Verhältnis zu Israel, zum jüdischen Volk nachgedacht wird. Ich hatte einmal gehofft, dass das Verhältnis selbstverständlich sein würde. Stattdessen werden plötzlich alte Ängste, Vorurteile und Phantasien aus dem Mittelalter und danach wiederbelebt. Juden werden verantwortlich gemacht für viele Dinge, in Haftung genommen für Ereignisse, die überhaupt nichts mit ihnen zu tun haben.

Die Mutter des Attentäters von Halle soll sinngemäß gesagt haben, ihr Sohn habe nichts gegen Juden, nur etwas gegen Menschen mit viel Geld. Ich habe in England ein Anwesen der Rothschilds aus dem 19. Jahrhundert besichtigt, sie waren sehr reich. Aber nur, weil einige wenige reich waren und es vielleicht auch noch sind, heißt es nicht, dass ALLE reich sind. Im Gegenteil, viele bei uns sind sehr arm, gerade die, die aus Russland zu uns gekommen sind, die dachten, sie wären in Sicherheit.

Der Wochenspruch für den Israelsonntag ist ein Wort aus Psalm 33: Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat! Israel ist und bleibt das Volk Gottes, das Er erwählt hat, unser christlicher Glaube bleibt davon unberührt. Vorurteile, erfundene Vorverurteilungen, Zuschreibungen, sollten deshalb nicht sein, gerade bei uns in Deutschland nicht, und schon gar nicht Aggression und Gewalt. Im Gegenteil, wir sollen uns dem Antisemitismus entgegenstellen, auch nicht zulassen, dass jemand sagt: „Ja, aber...“

Wenn wir mit offenen Augen durch Lübeck, durch unser Land gehen, dann sehen wir, wie viel Unheil dadurch über Mitmenschen gebracht wurde. Wir sollten alles tun, damit es nie wieder geschieht.

Ellen Naß veröffentlicht die Gedanken zum Wochenende im Wechsel mit Heinz Rußmann.

Ellen Naß veröffentlicht die Gedanken zum Wochenende im Wechsel mit Heinz Rußmann.


Text-Nummer: 139865   Autor: red.   vom 15.08.2020 um 09.00 Uhr

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