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Gedanken zum Wochenende: Nächstenliebe

Lübeck: Pastorin i.R. Ellen Naß geht in ihren Gedanken zum Wochenende auf die Nächstenliebe ein. Durch das biblische Zitat "wie dich selbst" habe sich der Umgang in den vergangenen Jahren geändert.

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, dieser Satz gehört sicher zu den bekanntesten, die Jesus gesagt hat. Selbst Menschen, die sonst wenig über den christlichen Glauben wissen, kennen diese Worte.

In allen Religionen gibt es ähnliche Ermahnungen dahingehend, dass wir unsere Mitmenschen freundlich behandeln sollen. „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“, ist die sprichwörtliche Variante dieser Worte.

Weil wir unseren Nächsten lieben sollen, ihm Gutes tun sollen, deshalb gibt es seit Beginn des christlichen Glaubens immer Menschen, die sich für andere einsetzen, ihnen dienen. Klöster waren nicht nur große Gebäude, sondern von Mönchen und Nonnen wurde anderen Menschen geholfen. Das Heilig-Geist-Hospital bei uns in Lübeck ist eine Erinnerung daran, dass schon immer Nächstenliebe, Nächstenhilfe, zum christlichen Glauben dazu gehörte.

In der evangelischen Kirche gab es die Diakonissen, die selbstlos für andere arbeiteten. Die Vorwerker Diakonie ist so entstanden. Ich habe selbst einen Kindergarten besucht, der von einer Diakonisse geleitet wurde, zu einer Zeit, als es noch nicht viele Kindergärten gab.

In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts bekamen diese Worte Jesu dann plötzlich ein anderes, neues Gewicht. „Wie dich selbst“ wurde in diesem Satz ganz neu entdeckt. Während bis dahin hauptsächlich darüber nachgedacht wurde, wie man es praktizieren könnte, anderen zu helfen, wurde es nun wichtig, dass man auch sich selbst akzeptiert. Wie soll man seinen Nächsten lieben wie sich selbst, so wurde gefragt, wenn man sich selbst gar nicht liebt? Wie soll das gehen, wenn man von sich selbst denkt, man wäre schuldbeladen, hässlich, unfreundlich oder sonst irgendwie negativ?

Aus dieser Frage entstanden ganz neue Verhaltensweisen. Wenn wir heute Achtsamkeit üben, auf uns selbst hören, uns etwas gönnen, dann kommt das aus dieser Erkenntnis, dass man nur weitergeben kann, was man selbst hat. Wir sollten, so wurde immer wieder gesagt, uns nicht nur um andere, sondern auch um uns selbst, um unser Wohlbefinden kümmern.

Manchmal habe ich allerdings den Eindruck, dass übertrieben wird, dass nur man selbst wichtig ist, und viele denken, der Nächste, das Helfen, käme dann schon von selbst. Wobei es nicht unbedingt am Helfen fehlt, oft fehlt auch die einfachste Rücksichtnahme.

In diesen Coronazeiten fällt mir zunehmend auf, dass Menschen nicht mehr Abstand halten, viele tragen die Maske nicht vorschriftsmäßig oder gar nicht. Als ich neulich in einem Geschäft bat, das doch zu tun, ich hätte einen krebskranken Mann zu Hause (was tatsächlich so ist!), wurde ich ausgelacht. Selbst wenn man der Meinung ist, mit Covid 19 wäre alles übertrieben – ich möchte nicht riskieren, dass durch mein Verhalten jemand schwer erkrankt oder stirbt, deshalb halte ich es für besser, vorsichtig zu sein.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – das bedeutet auch, dass wir ihn vor Ansteckung schützen. Das ist auch gar nicht schwer, Abstand zu halten und eine Maske zu tragen sind kleine Unannehmlichkeiten im Vergleich zu zum Beispiel jemandem zu Hilfe zu kommen, der gerade angegriffen wird. Rücksicht zu nehmen, auch wenn man es vielleicht nicht unbedingt einsieht, gehört zur Nächstenliebe dazu.

Vielleicht missverstehen wir diesen Satz Jesu auch so, weil er unvollständig zitiert wird. Es geht nämlich nur bedingt um Nächsten- oder Eigenliebe. Vollständig lautet er: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Damit bekommt dieses Wort Jesu einen ganz anderen Sinn, unterscheidet sich von den allgemeinen Verhaltensregeln. Die Liebe zu Gott wird viel weiter ausgeführt als die Eigenliebe oder die Nächstenliebe. Die Liebe zu Gott trägt uns, unser Leben, und wenn wir Gott lieben, dann finden wir auch die Kraft, uns selbst zu akzeptieren – weil Gott uns akzeptiert -, wir wissen darum, wie wichtig es ist, auf andere Rücksicht zu nehmen – weil Gott auch auf sie Rücksicht nimmt.

Alles drei gehört zusammen, man darf sich nicht auf eines oder auf zwei konzentrieren. Jesus hat gewusst, warum er Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe gefordert hat, wir sollten Ihn ernst nehmen.

Ellen Naß veröffentlicht die Gedanken zum Wochenende im Wechsel mit Heinz Rußmann.

Ellen Naß veröffentlicht die Gedanken zum Wochenende im Wechsel mit Heinz Rußmann.


Text-Nummer: 140125   Autor: red.   vom 29.08.2020 um 09.35 Uhr

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