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IHK Talk: Weniger Ideologie beim Innenstadt- Verkehr

Lübeck: Archiv - 29.09.2020, 13.11 Uhr: Einkaufen, stöbern, erleben, genießen, Menschen treffen – noch vor einigen Jahren haben die Zentren mit ihrer Mischung aus Einzelhandel und Gastronomie Käufer und Schaulustige angezogen. Doch wie geht es weiter? Das war das Thema einer IHK-Zukunftswerkstatt.

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Uwe Mantik, CIMA Beratung + Management GmbH, Antje Langethal, Leiterin des Bauamts der Stadt Bad Segeberg, Rüdiger Schacht, stellvertretender IHK-Hauptgeschäftsführer, Andrea Brunhöber, Stadtmarketingkoordinatorin in Neustadt in Holstein, und Frank Schwartze, Professor für Stadtplanung an der Technischen Hochschule Lübeck. Foto: cima

Die Leerstände in den Innenstädten sind ein Indiz für die Veränderungen. Einkaufen auf der „grünen Wiese“, Onlineshops und jetzt auch noch die Corona-Beschränkungen setzen den Zentren zu. Bluten sie nun endgültig aus? Nein, sie hätten im Gegenteil sogar großen Chancen, sagen Experten, die auf Initiative der IHK zu Lübeck, in einer Zukunftswerkstatt über das Thema diskutierten. Notwendig seien aber mutige Schritte, neue Konzepte und ein Angebot, das Menschen zum Kommen und Verweilen einlädt.

„Früher gab es eine Notwendigkeit, in die Stadt zu kommen, um sich dort auszutauschen, Menschen zu treffen und die einzigartigen Angebote zu nutzen. Diesen Zwang gibt es nicht mehr“, sagte Frank Schwartze, Professor für Stadtplanung an der Technischen Hochschule Lübeck, in einer von Rüdiger Schacht, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK, zum Abschluss mehrerer Videokonferenzen moderierten Diskussion. „Heute heißt es Schönheit gewinnt, Funktion verliert. Um die Zentren zu beleben, müssen wir Schönheit generieren, die aus Vielfalt und Nutzbarkeit besteht.“

Ein Beispiel für eine Trendwende gibt es Neustadt in Holstein. Die Hafenstadt an der Ostsee hat ihren Marktplatz neu entdeckt und in einen Publikumsmagneten umgewandelt. Stadtmarketingkoordinatorin Andrea Brunhöber hat sich den Anspruch „Schönheit sticht Funktion“ bereits zu eigen gemacht: „Unsere Innenstadt und unser Marktplatz müssen gemütlich sein. Daher bieten wir auch außerhalb der Markttage Veranstaltungen an. Wir inszenieren und bespielen diesen zentralen Platz, etwa mit einem Lichterfest zum Start der Winterbeleuchtung.“

Dem schloss sich Antje Langethal, Leiterin des Bauamts der Stadt Bad Segeberg, an. „Wichtig ist, dass die Kommunen ein Konzept für ihre Innenstadt haben.“ Dazu gehöre es auch, sich genau zu überlegen, ob die Städte Flächen oder Gebäude kaufen. Falls das nicht möglich sei, komme der Kooperation mit den Eigentümern der Immobilien in den Zentren eine hohe Bedeutung zu. Zudem müssten sich alle Beteiligten darüber im Klaren sein, dass der Platz in den Kommunen endlich ist. „Wir können nicht jedem versprechen, dass er alles bekommen kann, was er möchte.“

Kompromisse müsse es vor allem beim Thema Mobilität geben, so Schwartze, denn die Zentren müssten auch mit dem Auto erreichbar sein. Es gebe funktional angelegte Straßen, die auf aufwendig gestaltete Fußgängerzonen zuleiten. In der Innenstadt seien Autos häufig nicht erwünscht. „Die Frage ist aber heute nicht mehr, ob Autos in den Straßen der Zentren schön sind, sondern ob sich jeder in der Straße freibewegen kann“, betonte der Professor. Er forderte, dass es keine Bevorzugung von Fußgängern, Autos oder anderen Verkehrsteilnehmern mehr geben dürfe. „Jeder hat das gleiche Recht, sich ein Verkehrsmittel auszuwählen. Daher müssen wir die Dinge endlich objektiv betrachten und Verkehrskonzepte frei von Ideologien betrachten, dann zeigen sich große Chancen für die Innenstädte.“

Auch Uwe Mantik von der CIMA Beratung + Management GmbH in Lübeck sieht trotz der großen Herausforderungen und des Wettbewerbs mit der „grünen Wiese“, dass die Zentren eine Zukunft haben. Anders sei es nicht zu erklären, dass Designer Outlet Center Innenstädte mit ihrer hohen Aufenthaltsqualität nachbauen. Ihr Vorteil gegenüber gewachsenen Strukturen sei das zentrale Management. Daher sollte es Kuratoren in den Kommunen geben, die an der Steigerung der Vielfalt und Attraktivität der Zentren von Austausch über Kultur, Wohnen, Büroarbeitsplätze bis zu Dienstleistern, Arztpraxen und Gastronomie arbeiten. Alle Akteure sollten das Stadtmarketing daher als einen hochprofessionellen Job begreifen und fördern.

Stimmen die Voraussetzungen in den Kommunen, ist Mantik überzeugt, wird der Einzelhandel nicht aus den Zentren verschwinden. „Aber er wird anders sein.“ Veränderungen dürfte es vor allem bei den Verkaufsflächen im Erdgeschoss geben. „Sind diese noch so, wie sie jetzt sein müssten? Benötigen wir noch große Flächen oder eher kleine Läden?“, fragte er. Die Lagerhaltung ließe sich für viele Geschäftsmodelle anders organisieren, die Händler sollten gleichzeitig in der Innenstadt und im Internet präsent sein. Gelinge die Verbindung von Einzelhandel mit Arbeit und Wohnen im Zentrum, würden die Menschen die Innenstädte als Heimat begreifen und als „Club, in dem sie Mitglied sein wollen“. Darin war sich der Experte mit den Teilnehmern der Runde einig.

Die Experten sind sich einig: Innenstädte müssen schöner werden und für alle Verkehrsarten erreichbar. Foto: JW

Die Experten sind sich einig: Innenstädte müssen schöner werden und für alle Verkehrsarten erreichbar. Foto: JW


Text-Nummer: 140798   Autor: IHK   vom 29.09.2020 um 13.11 Uhr

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