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Würde für Opfer

Lübeck: In ihren Gedanken zum Wochenende thematisiert Pastorin i.R. Ellen Naß die Verwendung von "Opfer" als neues Schimpfwort. Das dürfe nicht so bleiben, denn die Schuld tragen immer die Täter.

Ein Schimpfwort, das seit einigen Jahren gerne benutzt wird, lautet: „Du Opfer!“ Dass dieses Wort so benutzt wird, kann man verstehen, denn erst einmal möchte niemand von uns ein Opfer sein. Opfer sind Menschen, denen es nicht gut geht, die leiden. Man kann ein Opfer werden von Gewalt, von der Justiz, eines Einbruchs, eines Betrugs… von vielen Dingen, und alle sind nicht angenehm verursachen Schmerzen und Trauer.

Gerade hier in Deutschland halte ich es für problematisch und unangebracht, das Wort „Opfer" als Schimpfwort zu verwenden. Wir haben in unserer Vergangenheit viele Menschen zu Opfern gemacht. Während des 3. Reichs wurden Millionen wehrlose und unschuldige Menschen zu Opfern, Juden, Roma und Sinti, Menschen mit Behinderungen, Homosexuelle, Kommunisten und Sozialdemokraten, traumatisierten Soldaten, Zeugen Jehovas, Kirchenvertreter beider Kirchen… Die Liste ist endlos, ich habe sicher noch Menschen vergessen und entschuldige mich bei ihnen.

Wenn wir in der letzten Woche der Opfer von Halle und Hanau gedenken, wenn wir erleben mussten, dass ein jüdischer Student in Hamburg angegriffen wurde, dann dürfen wir nicht akzeptieren, dass „Opfer" ein Schimpfwort ist.

Alle diese Menschen verunglimpfen wir zusätzlich und nehmen ihnen ihre Würde, wenn wir das Wort „Opfer" als Schimpfwort verwenden. Dabei waren und sind es die Täter, die nicht nur unendlich vielen Menschen Unrecht taten, sondern gleichzeitig ganz Deutschland ins Verderben stürzten. Natürlich soll man niemanden beschimpfen, aber wenn, würde ich „Du Täter!“ für viel passender halten.

Als Christen sollten wir zusätzlich noch aus einem anderen Grund alles tun, damit das Wort „Opfer" als Schimpfwort verschwindet. Denn auch Jesus war ein Opfer. Er wurde ein Opfer der römischen und judäischen Justiz, wurde gefoltert und kam auf grausame Weise zu Tode. Zusätzlich wird in den Evangelien berichtet, dass Menschen bei seiner Kreuzigung sich über ihn lustig machten und ihn verspotteten. Sie haben nicht: „Du Opfer!“ zu ihm gesagt, sondern Dinge wie: „Steig herab vom Kreuz, andern hast du geholfen, nun hilf dir selbst!“

Jesus hätte das gekonnt, aber er wollte nicht. Er starb, nicht nur um uns mit Gott zu versöhnen, sondern auch, um anderen Opfern beizustehen, ihnen Würde zu geben.

Deshalb sollten auch wir Opfern Würde zusprechen und ihnen helfen. Opfer darf kein Schimpfwort bleiben. Schuldig und zu verurteilen ist immer der/ die TäterIn, nie das Opfer. Weil Jesus zum Opfer wurde, deshalb sind wir mit leidenden Menschen besonders verbunden.

Ellen Naß predigt am Sonntag in St. Andreas in Schlutup.

Ellen Naß predigt am Sonntag in St. Andreas in Schlutup.


Text-Nummer: 141014   Autor: red.   vom 10.10.2020 um 08.57 Uhr

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