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Uni Lübeck: Früherkennung von AMD per App

Lübeck: Archiv - 14.12.2020, 10.16 Uhr: Jeder vierte Deutsche über 60 Jahre leidet unter der altersbedingten Makula-Degeneration (AMD). Die Volkskrankheit betrifft statistisch gesehen eine halbe Million Menschen, rund 42.000 sind es in der Region Lübeck.

AMD gilt als nicht heilbar, aber ihr Verlauf kann wesentlich beeinflusst werden, wenn die Patienten rechtzeitig reagieren. Ein weltweit einzigartiges, deutsch-dänisches Medizinprojekt mit Ärzten aus Lübeck, Roskilde und Køge setzt deshalb auf die Früherkennung über eine App. Die ersten Tests verliefen vielversprechend.

Die Entwicklung der App für altersbedingte Makula-Degeneration ist Teil des europäischen Interreg-Projekts NorDigHealth, das mit Fördermitteln der Europäischen Union unterstützt wird. Mediziner des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein aus Lübeck testen zurzeit den Prototypen mit ihren Kolleginnen und Kollegen von der Augenklinik des Universitätskrankenhaus Seeland im dänischen Roskilde.

Die Dänen verfügen über lange Erfahrung in der Entwicklung von digitaler Gesundheitstechnik. Die Deutschen tragen zu einer fundierten Lösung durch ihr anders gelagertes Gesundheitssystem bei. Die deutsche-dänische Zusammenarbeit ermöglicht, die Daten auf Basis einer größeren Testpopulation in unterschiedlichen Umgebungen zu validieren. Der Präzisionsgrad der App erhöht sich dadurch.

Die deutschen und dänischen Mediziner versprechen sich durch die digitale Früherkennung über die AMD-App, dass die Entwicklung der Krankheit genauer verfolgt und die Behandlung besser abgestimmt werden kann. Die App ermöglicht eine viel größere Präzision in der Verlaufsbeobachtung als die häufig verwendete Amsler-Karte, ein quadratisches Gitter auf Papier.

Die Gesundheitskosten von AMD belaufen sich in Deutschland und Dänemark jährlich auf mehrere hundert Millionen Euro. Eine in der Regel sechswöchig stattfindende Behandlung kostet allein 900 Euro. Dr. Mahdy Ranjbar, Oberarzt und Leiter der deutschen Studie, UKSH/Universität Lübeck erläutert: „Die AMD-App wird den Patienten mit Augenleiden vor allem drei Vorteile bringen: Sie stärkt den autonomen Umgang mit der Erkrankung. Sie macht es einfacher, die Entwicklung der Krankheit einzuschätzen, damit man zur rechten Zeit behandelt werden kann. Und schließlich bringt diese digitale Früherkennungsmöglichkeit Vorteile für die Patienten, die in ländlichen Räumen sehr lange Wege zum Facharzt haben.“
Die AMD-App ist in einer ersten Version im Probebetrieb. Sie wird zurzeit von den insgesamt sechs Medizinern im Projektteam an den Universitätskrankenhäusern in Roskilde, Køge und Lübeck an knapp 50 Patienten getestet. Die Patienten werden aufgefordert, in der App mehrere Punkte in eine Reihe zu ziehen. Gelingt dies fehlerfrei, ist das Sehfeld nicht eingeschränkt. Werden die Punkte wie die Außenseiten eines Dreiecks angeordnet, liegt eine Sehbeeinträchtigung AMD vor.

Getestet wird die App zurzeit auch von Dr. Ellen Bialluch, 84. Sie wohnt in Lübeck. Im Frühjahr 2019 wurde bei ihr AMD diagnostiziert. “Die Erkrankung beeinträchtigt mich im Alltag. Ich kann lesen, aber nur mit einem Auge. Ich würde die App gerne mit mir nach Hause bringen. Ich würde mich sicherer fühlen, wenn ich meine Sehfähigkeit täglich mit der App kontrollieren könnte“, sagt Ellen Bialluch.

Die Entwicklung der AMD-App soll bis Frühjahr 2021 abgeschlossen sein. Danach werden bis zum Projektende Ende 2021 die Daten ausgewertet. Das Ziel ist, eine funktionstüchtige, nutzerfreundliche App zu entwickeln und voraussichtlich Ende 2021 allen potentiell betroffenen Menschen der altersbedingte Makula-Degeneration zur Verfügung zur stellen.

Hintergrund AMD

Die Altersbedingte Makuladegeneration (AMD) betrifft die Sehzellen in der Netzhautmitte. Sie vermitteln das scharfe und farbige Sehen und gehen im Alter zugrunde. Im Spätstadium zeigt sich in der Mitte des Gesichtsfeldes nur noch ein dunkler Fleck, lediglich in den Randbereichen ist das Sehen noch erhalten. Dadurch ist zwar eine räumliche Orientierung noch möglich, Gesichter erkennen, Zahlen und Buchstaben entziffern wird jedoch mit der Zeit unmöglich.

Eine Vorbeugung und Heilung der AMD gibt es derzeit nicht. Es gibt zwei Formen: die feuchte und trockene AMD. Rechtzeitig erkannt, lässt sich die feuchte Makula-Degeneration durch spezielle Medikamente verlangsamen oder stoppen und der Sehverlust aufhalten. Bei der trockenen Makula-Degeneration gibt es derzeit keine Behandlungsmöglichkeit. Zeit ist also der entscheidende Faktor. Früherkennung ist entsprechend wichtig.

Anteil der Menschen mit AMD in Deutschland (Spätstadien): 0,58 Prozent (also ca. 480.000 Betroffene). Anteil der Menschen mit AMD in Deutschland (Frühstadien): 8,38 Prozent (also ca. 6.938.000 Betroffene). AMD betrifft im Raum Lübeck (HL, OH, LAU) potentiell 37.500 Menschen, d.h. ca. ¼ von insgesamt ca. 150.000 Menschen älter als 65 Jahre im Raum Lübeck.

Oberarzt Dr. Mahdy Ranjbar leite die deutsche Studie. Foto: Uni

Oberarzt Dr. Mahdy Ranjbar leite die deutsche Studie. Foto: Uni


Text-Nummer: 142254   Autor: Uni   vom 14.12.2020 um 10.16 Uhr

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