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Jesus heilt, Jesus hilft

Lübeck: Archiv - 16.01.2021, 09.11 Uhr: Pastorin i.R. Ellen Naß geht in ihren Gedanken zum Wochenende auf das politische Christentum ein. So waren am Sturm auf das Kapitol in den USA viele Christen beteiligt. Für Ellen Naß sind solche politischen Taten das Gegenteil des christlichen Glaubens.

Mein Mann und ich haben am 6. Januar fassungslos vor dem Fernseher gesessen und die Übertragungen aus den USA angesehen. Vielleicht ging es Ihnen ja ähnlich. Dass in dieser ältesten Demokratie so etwas möglich sein sollte, das konnten wir beide nicht verstehen.

Ganz besonders betroffen hat mich als Pastorin, dass viele Christen und Christinnen an diesem Sturm auf das Kapitol beteiligt waren. Ich habe ein Interview gelesen mit einer jungen Frau, die dabei war, Mitglied einer Vereinigung „Christen für Waffenbesitz“. Man sah überlebensgroße Kreuze, Schilder mit der Aufschrift „Jesus rettet“. Sogar das Schofar, ein alttestamentliches Musikinstrument, soll geblasen worden sein, nachdem man das Kapitol mehrfach umrundet hatte. Anscheinend glaubte man, es werde in sich zusammenfallen wie im Alten Testament die Mauern von Jericho. Es wurde gebetet, Halleluja gerufen.

Nun haben die USA eine strenge Trennung von Staat und Kirche, so haben wir es gelernt, so sehen sie es selbst, das macht die Vorgänge umso befremdlicher. Bei uns zieht der Staat die Mitgliedsbeiträge ein, wir haben an den Schulen Religionsunterricht, kirchliche Vertreter sitzen in einigen Gremien, in den Parteien gibt es Zusammenschlüsse von christlichen Parteimitgliedern. Manchen Menschen ist das zu viel Einfluss, und wenn die Kirchen sich zu - teilweise – politischen Themen äußern, dann wird das sehr kritisch gesehen.

Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass christliche Gruppen hier versuchen würden, den Bundestag zu stürmen, obwohl bei den Demonstrationen der Coronagegner auch christliche Gruppen mit vertreten waren. „Jesus heilt“, wurde dann gesagt, „wir brauchen keine Masken“. Der Staat hat nicht das Recht, uns das vorzuschreiben.

Ich denke, dass solche Menschen vieles am christlichen Glauben falsch verstanden haben. Natürlich wird berichtet, wie das Schofar geblasen wird und die Mauern von Jericho fallen. Aber Jesus hat gesagt: „Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen“, das alttestamentliche Gegenstück dazu hat die friedliche Revolution von 1989 in der damaligen DDR bestimmt: Schwerter zu Pflugscharen.

Zur Zeit Jesu gab es die Zeloten, Aufständische, die mit Gewalt gegen die römische Besatzungsmacht kämpften. Jesus wurde als einer von ihnen hingerichtet, obwohl alles dagegen sprach und spricht, dass er dazugehörte. Er war ein Justizopfer, wie es damals wohl viele gab.

Trotzdem haben sich die Christen in den ersten 3 Jahrhunderten nicht gewehrt. Sie haben sich trotz Verboten getroffen, Gottesdienst und Abendmahl gefeiert, aber sie haben keinen Aufstand gemacht. Sie haben bewaffnete Gewalt abgelehnt. Das haben christliche Kirchen dann zwar jahrhundertelang vergessen, aber unser Anfang war so, darauf sollten wir uns immer wieder zurückbesinnen.

„Jesus hilft, Jesus heilt, Gott ist groß“, wie auch immer man diese Tatsache ausdrücken mag, darf kein Kampfruf sein, um andere zu diffamieren oder niederzumachen. Für mich sind es Worte des Vertrauens, die helfen und Mut machen in schwerer Zeit. Wenn die Coronaepidemie Angst macht, wir nicht mehr weiter wissen, dann können diese Worte, diese Gewissheit, uns trösten, dass es wieder besser werden wird, weil Gott uns hilft.

Natürlich sollten wir dem Staat gegenüber auch kritisch sein, nicht alles kommentarlos hinnehmen, was angeordnet wird, aber mit Jesus als Vorbild ist Gewalt auf keinen Fall eine Lösung oder Methode. Wir sollten fragen, was Nächstenliebe, Rücksichtnahme, Gottesliebe uns gebieten – und andere anzustecken oder mit einem Holzkreuz zu bedrohen gehört bestimmt nicht dazu.

Wir sollten wachsam sein, dass „Jesus heilt, Jesus hilft“ nicht missbraucht wird zur Gewaltausübung, Unterdrückung und Realitätsverleugnung. Wir sollten klar Stellung beziehen, dass Christen nicht mit Gewalttätern und Realitätsvierleugnern gemeinsame Sache machen.

Sonst würden wir Jesu Worte, Seine Taten und Seinen Tod am Kreuz verleugnen.

Pastorin i.R. Ellen Naß geht in ihren Gedanken zum Wochenende auf Gewalt als politisches Mittel ein.

Pastorin i.R. Ellen Naß geht in ihren Gedanken zum Wochenende auf Gewalt als politisches Mittel ein.


Text-Nummer: 142751   Autor: red.   vom 16.01.2021 um 09.11 Uhr

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