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Ringvorlesung: Doktor Faustus zum Dritten

Lübeck: Archiv - 20.01.2021, 11.38 Uhr: Zum dritten Mal hieß es Dienstagabend bei der Ringvorlesung der Musikhochschule "Thomas Mann, Doktor Faustus in Wort und Ton". In der im MHL-Stream verbreiteten Vorlesung beleuchtete Prof. Dr. Hans Wißkirchen, Leitender Direktor des Verbundes der Lübecker Museen und Präsident der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft, den Roman aus literaturwissenschaftlicher Perspektive.

Viel Musik war zu hören, sehr unterschiedliche Musik. Robert Schumann zum Beispiel mit Liedern der Romantik. Lea Kollath, Doktorandin am Brahms-Institut, hatte in ihrer Begrüßung die Zusammenhänge erläutert. Selbst bei Schumann schimmere das Wetterleuchten des Krieges durch. Mert Yesilmenderes (Klavier), Jasmin Delfs (Sopran) und Changhyun Yun (Bass) waren die Ausführenden.

Der Roman "Doktor Faustus" erschien 1947 als letztes großes Werk des Schriftstellers, der seinerzeit noch im kalifornischen Exil lebte. Viele sahen ihn damals als einen Mann, der mit Deutschland und den Deutschen nichts mehr zu tun haben wollte. Dabei habe Thomas Mann sein Deutschsein nie verleugnet, auch wenn er bohrende Fragen stellte, etwa nach der Schuld des Volkes, zu dem er gehörte.

Zur Politik sei Thomas Mann spät gekommen, räumte Wißkirchen ein. Seine Schrift "Betrachtungen eines Unpolitischen" erschienen 1918 in einem konservativen Kontext. Ihm sei es immer auch um die Frage gegangen, in welcher Staatsform sich der Künstler frei bewegen könne. "Doktor Faustus" spiele in drei zeitlichen Ebenen, sagte Wißkirchen. Ausgangspunkt sei die Gegenwart, das heißt die Zeit, in der der Roman entstand, also die Jahre 1943 bis 1945. Die zweite Ebene umfasse die Jahre 1883 bis 1945, die dritte das Jahrtausend vor 1900.

Der Erzähler Serenus Zeitblom, der die Geschichte des Tonsetzers Adrian Leverkühn aufzeichnet, malt zum Beispiel den fiktiven Ort Kaisersaschern breit aus, lässt verschiedene Orte einfließen, Lübeck inklusive. Reste des Mittelalters oder Gedanken aus der Kaiserzeit hätten sich hier bis in die Gegenwart erhalten. Drängend die Frage, wie Weimar als kulturelles Zentrum und das Vernichtungslager Buchenwald nebeneinander existieren konnten. Thomas Mann habe die vorschnelle Entlastung der Deutschen hinterfragt. In einem Vortrag sagte er, er habe es auch in sich, am eigenen Leibe erfahren. "Es gibt nicht zwei Deutschlands, ein böses und ein gutes; nur eins, dem sein Bestes zum Bösen ausschlug."

Immer wieder wies der Redner darauf hin, dass im Roman Dinge angesprochen werden, die verblüffend aktuell seien und sich bis in die Gegenwart verfolgen lassen, bis hin zu Entwicklungen in Polen, Ungarn oder den USA, zu Donald Trump mit seinen Fake News, denen Millionen folgten. Auch die Nazis hätten sich geheime Sehnsüchte der Menschen zunutze gemacht und sie mit überzogenen Versprechungen bedient.

Dinge, die im Roman in einem Münchner Salon in den 1920er Jahren diskutiert werden, lassen sich dechiffrieren und bis in die Gegenwart beobachten. Thomas Mann sei als politische Stimme lange Zeit nicht gehört worden. Die Geschichtswissenschaft nehme seine Fäden ab etwa 1970 wieder auf. Deshalb habe der "Doktor Faustus" seine Bedeutung nie verloren. Wißkirchen: "Dieses Buch sollte man wieder einmal lesen. Man lernt auch heute noch daraus."

Die letzten beiden Teile der Vorlesungsreihe sind am 26. Januar und am 2. Februar zu hören, die vorigen Folgen weiterhin verfügbar, und zwar unter www.mhl-streaming.de. Das Projekt ist eine Kooperation der Musikhochschule Lübeck, der Universität zu Lübeck und der Kulturakademie der Vorwerker Diakonie.

Prof. Dr. Hans Wißkirchen beleuchtete den Roman aus literaturwissenschaftlicher Perspektive. Screenshot: MHL/YouTube

Prof. Dr. Hans Wißkirchen beleuchtete den Roman aus literaturwissenschaftlicher Perspektive. Screenshot: MHL/YouTube


Text-Nummer: 142822   Autor: TD   vom 20.01.2021 um 11.38 Uhr

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