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Gedenken an die Befreiung von Ausschwitz

Lübeck: Archiv - 30.01.2021, 12.27 Uhr: Pastorin i.R. Ellen Naß geht in ihren Gedanken zum Wochenende auf den internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus ein. Sie befürchtet, dass dieses wichtige Thema zu den Akten gelegt wird.

In der letzten Woche wurde wieder der Befreiung des Lagers in Auschwitz und der Verfolgung der Juden gedacht. Überall gab es Andachten und Reden, meistens virtuell wegen Covid 19. Allerdings habe ich manchmal das Gefühl, dass danach das Thema zu den Akten gelegt, es sozusagen als erledigt betrachtet wird, bis dann irgendwo ein ein Angriff oder eine Aussage geschieht, dass man das Thema dann doch wieder hervorholen muss.

Dabei finde ich es wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass nie wieder geschehen darf, was damals in Deutschland getan wurde. Es gilt, den Anfängen zu wehren. Ich war vor vielen Jahrzehnten im KZ Neuengamme, die Bilder haben mich nie wieder losgelassen, aber die Konzentrationslager waren nur der schreckliche Höhepunkt eines schon immer dagewesenen Antisemitismus. Dabei wurden die ersten jüdischen Einwohner in Deutschland 321 urkundlich erwähnt – hier leben taten sie wahrscheinlich noch viel länger – vor genau 1700 Jahren. Damit wohnen sie viel länger hier als viele andere, die sich für urdeutsch halten.

Trotzdem halten sich Gerüchte über sie, die mit der Realität nicht das geringste zu tun haben. Gerade in Not- und Seuchenzeiten wurde die Schuld für die Ereignisse auf sie abgewälzt, im Mittelalter hieß es, sie würden die Brunnen vergiften. Auch jetzt werden sie für vieles verantwortlich gemacht, auch wenn ich nicht verstehe, wieso. Es gab und gibt natürlich einige Reiche unter ihnen – ich habe in England einmal Waddesdon Manor, ein Anwesen der Rothschilds besichtigt, sie waren reich. Andererseits habe ich ein Kochbuch mit Rezepten aus dem Stedtl in Osteuropa vor dem 1. Weltkrieg und dazu passenden kleinen Erzählungen – sie zeugen von unglaublicher Armut.

Ich glaube nicht, dass diese unterschiedlichen Menschen sich miteinander verbündet haben, sich überhaupt verbünden konnten, um der Welt zu schaden. Eher scheint es mir so, dass die andere Seite sich immer wieder zusammenfindet und zusammenschließt, um neue Verleumdungen zu erfinden.

Vielleicht liegt die Skepsis gegenüber Menschen jüdischen Glaubens daran, dass sie so etwas wie unser älterer Bruder sind. Jesus erzählt uns ja eine Geschichte von einem Vater mit 2 Söhnen. Der ältere bleibt brav zu Hause, tut, was der Vater will, der Jüngere lässt sich sein Erbe auszahlen und verprasst es dann.

Da er dann völlig mittellos ist und als einzige Möglichkeit zu überleben Schweine hüten muss – als Jude! - beschließt er, wieder nach Hause zu gehen und seinen Vater um Verzeihung zu bitten. Der nimmt ihn freudig wieder auf, nur der ältere Bruder ist empört.


Diese Erzählung hat viele Ebenen, auch über unser persönliches Leben, aber eine beschreibt auch das Verhältnis von Juden und Christen. Wir sind der jüngere Bruder, der, der einmal weg war, sich nicht zu Gott gehalten hat. Die jüdische Gemeinde ist der ältere Bruder, der immer zu Gott gehalten hat, sich an Seine Gebote gehalten hat.

Dabei ist der Sinn dieses Gleichnisses Jesu, dass Gott beide Söhne akzeptiert und liebt, den älteren und den jüngeren. Keinem von beidem wird etwas weggenommen, keinem wird geschadet, Gott liebt sie beide. Es gibt keinen Grund, Schuld beim anderen zu suchen, mit dem Finger auf den anderen zu zeigen, weil beide Gottes geliebte Kinder sind.

Deshalb ist es wichtig, sich an unsere Schuld zu erinnern, dafür zu sorgen, dass solche Ereignisse nie wieder geschehen können. Es ist wichtig, den Erzählungen zu widerstehen, die heute noch und wieder kursieren, nicht nur am Gedenktag der Befreiung von Auschwitz.

Wir sind alle Gottes geliebte Kinder, und haben damit den Auftrag, einander Gutes zu tun, uns zu helfen und beizustehen, gerade in schweren Zeiten wie jetzt. Nach mehr als 1700 gemeinsamen Jahren sollte uns das möglich sein, einander anzunehmen und gemeinsam zu leben.

Pastorin i.R. Ellen Naß veröffentlicht die Gedanken zum Wochenende im Wechsel mit Heinz Rußmann.

Pastorin i.R. Ellen Naß veröffentlicht die Gedanken zum Wochenende im Wechsel mit Heinz Rußmann.


Text-Nummer: 142997   Autor: red.   vom 30.01.2021 um 12.27 Uhr

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