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Das vierte Gebot

Lübeck: Archiv - 27.02.2021, 09.09 Uhr: Pastorin i.R. Ellen Naß widmet ihre Gedanken zum Wochenende dem 4. Gebot. Was bedeutet der Aufruf , die Eltern "zu ehren"? Für Ellen Naß ist es die Aufforderung, alle Menschen zu achten.

Es gibt ein Märchen von den Gebrüdern Grimm, in dem geschildert wird, dass ein alter Mann, fast blind, schwerhörig und zittrig seiner Familie zur Last wird. Sie lassen ihn deshalb nicht mehr am Familientisch essen, er bekommt bruchfestes, billiges Geschirr, viel zu essen bekommt er auch nicht.

In unseren Köpfen lebt ja die Vorstellung, dass früher für alte Menschen alles besser war. Viele glauben, sie hätten geliebt und geehrt im Kreise ihrer Familien gelebt, geachtet wegen ihrer Weisheit und ihrer Erfahrung. Dieses Märchen, das ja letztlich von einem Pflegefall erzählt, zeigt, dass es so nicht war – dass auch zu Zeiten der Gebrüder Grimm und wahrscheinlich schon immer viele Probleme um das Alter und um das Älterwerden bestanden.

Fast alle Menschen, auch die, die praktisch gar nicht mit der Kirche und dem Glauben in Berührung gekommen sind, kennen das vierte Gebot, in der reformierten Kirche ist es das fünfte: „Du sollst Vater und Mutter ehren, damit es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden.“ Fast jede*r Konfirmand*in von mir hatte dieses Gebot schon mindestens einmal zu hören bekommen, die meisten hatten darunter gelitten, weil man gerade in der Teenagerzeit schließlich darum bemüht ist, sich von den Eltern abzugrenzen, selbstständig zu werden. Sie hatten es gehört, weil ihre Eltern oder Großeltern sie damit dazu bringen wollten, ihnen zu gehorchen.

Dabei ist das 4. Gebot erlassen worden, um in erster Linie alte Menschen zu schützen, wie in dem Märchen der Gebrüder Grimm. Kleine Kinder zur Zeit des Alten Testaments sollten ihre Eltern nicht nur ehren, sondern ihnen gehorchen, die Zeiten waren damals so. Kinder waren Arbeitskräfte, es gab viele, und sie mussten tun, was ihre Eltern sagten. Manche Eltern verlangen das ja auch heute noch von ihren Kindern. „Ehren“ aber ist etwas anderes als „gehorchen“. Das Wort im Hebräischen kommt von der Bedeutung „schwer“ – wir sollen unseren Eltern Gewicht geben, Bedeutung.

Aber mit alten Eltern ist es oft schwierig. Meine Tochter spricht mit einem Augenzwinkern immer von „renitenten Rentnern“, wenn ich einmal nicht so will wie sie. In der Presse wird jeder Unfall eines über 60jährigen als Unfall von „Omi“ oder „Opi“ betitelt, obwohl sie als Gruppe sehr viel weniger Unfälle bauen als andere. Verbrecher haben sich auf alte Menschen spezialisiert – Stichwort Enkeltrick – weil sie glauben, dass alte Menschen nicht so schnell merken, dass sie betrogen werden.

Dabei nutzen sie in Wirklichkeit nur die Hilfsbereitschaft der Senior*innen aus – und die Tatsache, dass der Zusammenhalt in den Familien nicht so ist, dass man unbedingt genau weiß, wo der/diejenige sich gerade aufhält. Für Angehörige ist das eine große Sorge.

Im 4. Gebot wird – anders als bei den anderen – uns etwas versprochen, wenn wir uns daran halten. Wir sollen es halten, damit es uns wohlergehe und wir lange leben auf Erden. Das sind ganz konkrete Versprechen, auch das weist darauf hin, dass es um das Verhalten von Erwachsenen geht und nicht um das von Kindern.

Denn das Vorbild, wie wir mit unseren Eltern umgehen, prägt unsere Kinder und Enkel. Im Märchen ist es der Enkel des alten Mannes, der seinen Eltern die Augen öffnet. Sie erkennen, dass eines Tages sie die Alten sein werden, sie auf seine Hilfe angewiesen sein werden. Danach behandeln sie den alten Mann wieder gut. Er ist immer noch pflegebedürftig, aber sie geben ihm Gewicht und Beachtung.

So sollen wir das 4. Gebot halten – nicht nur den Eltern, sondern allen Menschen Gewicht und Beachtung geben. Wir sollen es tun, weil Gott es uns geboten hat und weil es gut für uns ist. Es geht nicht darum, ob früher alles besser war – was offensichtlich nicht stimmt – sondern darum, dass wir in unserer Gegenwart gut miteinander leben und einander wertschätzen, in gegenseitiger Achtung miteinander leben, Eltern und Kinder, Alte und Junge.

Pastorin i.R. Ellen Naß ruft zu einem achtsamen Umgang mit allen Menschen auf.

Pastorin i.R. Ellen Naß ruft zu einem achtsamen Umgang mit allen Menschen auf.


Text-Nummer: 143507   Autor: red.   vom 27.02.2021 um 09.09 Uhr

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