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Das Glockenspiel von Marien: Täglich toller Bimbam

Lübeck - Innenstadt: Archiv - 28.03.2021, 09.07 Uhr: Bekannt und berühmt ist das Glockenspiel der Marienkirche. Der Vorgänger der jetzigen Spielanlage galt sogar als ältestes Glockenspiel in Deutschland. Die tönenden Verkünder haben eine aufregende Geschichte hinter sich, und immer wieder spielt der Palmsonntag eine Rolle.

Das alte Glockenspiel, entstanden in den Jahren 1508 bis 1510, hing im Dachreiter und wurde mit diesem im Krieg zerstört, Palmarum 1942. Allerdings hatte es nur sechs Glocken, und mit sechs Tönen lässt sich nunmal kein anständiger Choral spielen. Insofern war die Freude über das Spiel, musikalisch gesehen, nicht vollkommen.

Das neue Spiel entstand Jahre nach dem zweiten Weltkrieg. Allerdings war die Idee, ein neues Spielwerk zu erstellen, die Uhrmachermeister Paul Behrens betrieb, nicht einfach zu realisieren. Schon sein Vater mit gleichem Namen hatte das alte Spiel betreut und gepflegt.

Die Wiederaufbaumittel, die den zerstörten Gotteshäusern der Innenstadt zur Verfügung standen, durften für derartige „unnötige Zutaten“ nicht angerührt werden. Immerhin brauchten rund 100.000 Mitbürger – Flüchtlinge und ausgebombte Lübecker – neuen Wohnraum.

Behrens ließ sich nicht entmutigen. Er startete ein Spendenaktion, an der sich mehr als 40 Firmen und zahlreiche Einzelpersonen beteiligten. Aber auch damit ließen sich keine neuen Glocken in ausreichender Zahl beschaffen, und mehr als sechs sollten es diesmal schon sein. Ein Zufall kam dem agilen Uhrmachermeister zu Hilfe.

In Lübeck hatten mehrere tausend Danziger eine neue Heimat gefunden. Unter ihnen war der letzte Verwalter des evangelischen Danziger Bischofsamtes, Oberkonsistorialrat Dr. Gerhard Gülzow. Der hatte erfahren, dass Glocken seiner Heimatstadt Danzig auf dem sogenannten Glockenfriedhof in Hamburg lagen.

Sie waren während des Krieges aus der Danziger Katharinenkirche abgeholt worden und sollten zu Kriegszwecken eingeschmolzen werden. Gülzow, als Pfarrer an der Lutherkirche tätig, holte die Danziger Glocken nach Lübeck. Ein neues Spielwerk entstand, klangvoller und größer als das des frühen 16. Jahrhunderts.

Es wurde nicht wieder in den Dachreiter gehängt. Den gab es in den 1950er Jahren nicht. In 60 Meter Höhe wurden die neuen Glocken in den Süderturm von St. Marien gehängt. Neue Stahlhämmer mussten gegossen werden, um die Töne einzeln anschlagen zu können. Eine sehr komplizierte Mechanik mit einer Steuerungswalze wurde konstruiert. 16 Glocken werden durch diese Mechanik zum Klingen gebracht. Sie arbeitet mit großer Präzision, die Mechanik des Werkes. Nur einmal kam sie bisher aus dem Takt. Im Sommer 1991 schlug sie zur Mittagszeit 13 Mal. Eine größere Reparatur war fällig.

Das reicht, um einen Liedvers zu spielen, mehrmals jährlich wechselnd, der Kirchenjahreszeit entsprechend. 15 weitere Glocken sind von Hand zu spielen, können also vom Marienorganisten ins Spiel einbezogen werden. Das alles dauerte Jahre bis zur Fertigstellung. Palmarum 1954 war es so weit. „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ war das erste Lied, das Anfang April 1954 erklang, von Danzigern und Lübeckern begeistert aufgenommen.

Der unermüdliche Uhrmacher erhielt eine Dankurkunde: „Dem Erbauer des Glockenspiels von St. Marien, Paul Behrens, zur Erinnerung an den Tag der Übergabe seines Meisterwerks“. Pastor Dr. Lewerenz, Vorsitzender des Kirchenvorstands, dankte in seiner Predigt natürlich allen Beteiligten, nicht zuletzt den Spendern.

Apropos Spender: Der neue Dachreiter wuchs in den 1980er Jahren aus dem Hochschiff. Die Anregung kam von Dr. Heinrich Dräger, dessen Stiftung die Finanzierung übernahm.

60 Meter über diesen Glocken hängt das neue Glockenspiel. Foto: JW

60 Meter über diesen Glocken hängt das neue Glockenspiel. Foto: JW


Text-Nummer: 144076   Autor: TD   vom 28.03.2021 um 09.07 Uhr

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