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Buddenbrookhaus: Forschungsobjekt Kochbuch

Lübeck: Die Sammlung des Buddenbrookhauses zu erforschen ist ein umfangreiches Projekt, das vom Bundesministerium für Kultur und Medien gefördert wird. Aktuell haben sich die Hamburger Kunsthistorikerin Sieke Ehlers und der Lübecker Historiker Dr. Jan Zimmermann mit einigen Schriftstücken aus dem Archiv des Literaturmuseums beschäftigt.

Während sich die freiberufliche Kunst- und Kulturvermittlerin Ehlers mit zwei Kochbüchern aus dem Hause Mann auseinandergesetzt hat, erforschte der auf die Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts spezialisierte Zimmermann ein so genanntes Geheimbuch von Johann Siegmund Mann dem Jüngeren sowie ein Poesiealbum mit einem Eintrag von Thomas Mann. Nun präsentieren die beiden ihre Forschungsergebnisse.

„Essen spielt in der Literatur von Thomas Mann stets eine Rolle und ist dabei immer symbolhaft zu betrachten“, weiß Ehlers. Demzufolge richtete sie ihr Augenmerk auf das Kochbuch von Auguste Mann, einer Cousine von Thomas Mann. Das Rezeptbuch wurde von 1875 bis fast zu ihrem Tod 1913 handschriftlich geführt und umfasst 178 Rezepte zum Kochen, Backen und Einmachen auf 125 Seiten. Dabei hat fast die Hälfte aller Rezepte Süßspeisen zum Inhalt, was aber vermutlich daher rührt, dass man Fleisch- und Gemüsegerichte ohnehin zu kochen wusste, vermutet Ehlers. Neben Kuchen und Torten erfreuten sich darin - dem Zeitgeist entsprechend - Puddings großer Beliebtheit. Zu finden ist dabei auch das Rezept des berühmten Plettenpuddings, der wie auch zwölf andere Speisen aus der Sammlung Einzug in den Roman „Buddenbrooks“ gehalten hat. Das Rezept ist auch in der aktuellen Interimsausstellung „Buddenbrooks im Behnhaus“ zu sehen. Das Kochbuch weist zudem persönlichen Charakter auf, da es teilweise in der Ich- bzw. Wir-Form geschrieben ist. Zudem sind bei einigen Rezepten Personennamen als Herkunftsangabe oder Ortsangaben aufgeführt, die Aufschluss über den Bekannten- und Freundeskreis sowie die Reisen von Auguste Mann geben.

Das zweite Rezeptbuch, das Ehlers untersucht hat, stammt aus dem Besitz von Minna Maria Louise Mann, Auguste Manns Schwester. Diese Sammlung kann als „Kriegskochbuch“ gewertet werden, stammen doch zwei Drittel der darin enthaltenen 112 Rezepte aus der Zeit des Ersten Weltkrieges und sind dementsprechend karg gehalten – während Auguste Manns Rezepte stets große Mengen an Eiern und einen hohen Fettanteil erforderten, wurde hier mit möglichst wenig Lebensmitteln oder gar Ersatzprodukten geplant, wie im Fall der „Ungebackenen Kriegsapfeltorte“ mit einem Boden aus Zwieback. Dieses Rezeptbuch weist jedoch eine weitaus weniger persönliche Note auf, da Minna Maria Louise Mann im Gegensatz zu ihrer Schwester viele Rezepte aus Zeitungen ausgeschnitten und eingeklebt hat, was in der Zeit ab 1900 immer üblicher wurde. Dies ist jedoch gleichzeitig ein Indiz, dass die gesammelten Rezepte zeitgemäß waren.

Ganz anderen Inhalten widmete sich Zimmermann bei der Erforschung des Geheimbuchs von Johann Siegmund Mann dem Jüngeren, Sohn des Firmengründers der „J.S. Mann Commissions- und Speditionsgeschäfte“, Lübecker Kaufmann und niederländischer Konsul. In dem Buch sind sämtliche kaufmännische Zahlen zur Firma und zum Privatvermögen Manns enthalten. Gleichzeitig wurde die Aufnahme Georg Thorbahns als Partner dokumentiert, welcher Vorbild für Friedrich Wilhelm Marcus, Teilhaber an der Firma Buddenbrook im gleichnamigen Roman, gewesen sein dürfte. Interessant ist auch, dass sich anhand der Zahlen die erste globale Wirtschaftskrise 1857 widerspiegelt, vermutlich Inspiration für den Bankrott von Tonys erstem Gemahl Bendix Grünlich. Die Firma J.S. Mann erholte sich in Wirklichkeit jedoch gut von dieser Krise, auch wenn das Erbe für die Söhne aus erster Ehe nun noch einmal neu definiert wurde.

Generell wurde dem im Original nicht erhaltenen Testament von Johann Siegmund Mann d. J. in seinem Geheimbuch mit mehreren Ergänzungen viel Platz eingeräumt, beispielsweise anhand genauer Regelungen der Empfänger einiger seiner persönlichen Schmuck- und Wertgegenstände. Interessant sind zudem die genauen Vorgaben, die er 1857 zum Ablauf seines Begräbnisses festhält. Aus seinem Wunsch, ihm vor der Bestattung die Pulsadern zu öffnen, geht die damals weit verbreitete starke Angst vor dem Lebendigbegrabenwerden im Falle eines Scheintods hervor.

Des Weiteren setzte sich Zimmermann mit einem Poesiealbum von Julius Georg Lorenz Harms auseinander, das sich als Dauerleihgabe im Archiv des Buddenbrookhauses befindet. Harms besuchte zusammen mit Thomas Mann den progymnasialen Unterricht des Lehrers Otto Bussenius in der Fleischhauerstraße, bevor beide dann im Abstand von drei Jahren an das Katharineum überwechselten. Julius Harms stammte aus einer mit den Manns befreundeten Weinhändlerfamilie und zählte zu den wenigen engen Freunden, die Thomas Mann duzte. Die Korrespondenz der beiden dauerte bis in die 1920er Jahre hinein an. Das Poesiealbum von Harms enthält 38 Einträge von Verwandten, Lehrern und Mitschülern, wovon einer aus der Feder Thomas Manns stammt, vermutlich aus dem Jahr 1888. Der Eintrag besteht aus einem Gedicht von Friedrich Rückert, der damals gerne von Jugendlichen zitiert wurde. Auffällig ist jedoch, dass Thomas Mann der einzige Junge in diesem Album ist, der bei seinem Eintrag den Verfasser nennt, was eventuell auf sein frühes Interesse an Literatur und die Wertschätzung der Autorschaft hindeutet. Außer dem Gedicht enthält Thomas Manns Eintrag lediglich eine knappe Widmung. Die Niederschrift gilt als eines der ersten schriftlichen Dokumente des späteren Literaturnobelpreisträgers.

Mit umfangreichen Forschungen begleitet das Team des Buddenbrookhauses die Arbeit an der neuen Dauerausstellung und nutzt die Bauzeit zur Neuaufstellung von Archiv und Bibliothek. Museumsleiterin Dr. Birte Lipinski ist beeindruckt von den Ergebnissen: „Die Forschungen erlauben uns oft ganz neue Blicke auf unsere eigenen Archivalien und Sammlungsgegenstände. Insbesondere die kulturhistorische Einordnung rückt Zweck und Wert der Gegenstände oft in neues Licht und offenbart auch die persönliche Bedeutung der Dinge für die Manns. Wir werden die Arbeiten an der Sammlung auch in diesem Jahr weiterführen. 2021 soll es dabei schwerpunktmäßig um die Sammlung an Buddenbrooks-Übersetzungen in unserer Bibliothek gehen.“

Das Kochbuch von Auguste Mann mit dem Rezept von Plettenpudding. Foto: Michael Haydn

Das Kochbuch von Auguste Mann mit dem Rezept von Plettenpudding. Foto: Michael Haydn


Text-Nummer: 144340   Autor: Museen   vom 13.04.2021 um 15.27 Uhr

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