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Online-Premiere am Theater: Ghetto von Joshua Sobol

Lübeck: Ursprünglich sollte das erschütternde Stück „Ghetto“ des jüdischen Schriftstellers Joshua Sobol im November 2020 am Lübecker Theater herauskommen. Die Aufführung musste abgesagt werden. Um Theaterfreunden das Stück zeigen zu können, entschloss sich Regisseur Malte C. Lachmann zu einer Online-Premiere. Am Freitag gab es die erste Aufführung, weitere folgen heute und am Sonntag.

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Nach den Ankündigungen mochte man meinen, im Ghetto von Vilnius werde die letzte Vorstellung der jüdischen Insassen aufgeführt. Malte C. Lachmann, Lübecks künftiger Schauspieldirektor, sieht das anders. Er lässt seine Szenenfolge vor den Gefängniszellen spielen (Bühne: Ramona Rauchbach).

Einige der Hauptfiguren tragen Masken beziehungsweise schieben Puppen vor sich her, die sprechen, argumentieren, singen können. Das gilt zum Beispiel für Will Workman, der mit seiner sprechenden Puppe durch die Szenen führt. Die Puppe darf dabei – ähnlich wie früher der Hofnarr – bittere Wahrheiten oder Frechheiten sagen.

Zum geschichtlichen Hintergrund: Vilnius, die Hauptstadt Litauens, war ein Zentrum jüdischer Kultur. Die Stadt wurde „Jerusalem des Nordens“ genannt. 76.000 jüdische Bürger zählte Vilnius vor dem Einmarsch der Nazis. 60.000 wurden ermordet, die übrigen 16.000 in ein Ghetto getrieben.

Im Ghetto herrscht mit unerbittlicher Strenge Lagerkommandant Bruno Kittel. Er hat merkwürdige Vorlieben, spielt Saxophon und schwärmt für die Musik von George Gershwin, die „im Reich“ verboten ist. Im Ghetto ist er der König und kann befehlen, was er will. Andreas Hutzel spielt sich in dieser Rolle in den Vordergrund, lässt seinen Launen freien Lauf.

Dem jüdischen Lagerleiter (Henning Sembritzki) geht es angeblich darum, möglichst wenige Juden zu opfern, um viele zu retten. Eine besondere Rolle spielt die Sängerin Chaja. Kathrin Hanak verleiht ihr auf vielen musikalischen Gebieten Gestalt und Stimme. Der SS-Kommandant über sie: „Wenn ihr Juden schön seid, seid ihr schöner als alle anderen!“

So verfolgt das Publikum mit Spannung den Abend (Aufführungsdauer eine Stunde und 40 Minuten). Man erlebt Figuren, die sich anbiedern, die Geschäfte vorschlagen, um aus der Schusslinie zu kommen. Der jüdische Ghetto-Rat verurteilt zwei Mithäftlinge zum Tode; angeblich zur Rettung anderer.

Sängerin Kathrin Hanak läuft zu großer Form auf. Die Mischung aus jüdischer Folklore und Naziliedern schafft auch durch Unterstützung anderer Ensemblemitglieder eine Atmosphäre, die unter die Haut geht. Willy Daum schrieb die Arrangements und leitet seine Kombo. Die Darsteller schlüpfen in mehrere Rollen. Großartig Will Workman, Andreas Hutzel. Vincenz Türpe versucht, als Geschäftsmann sein Glück auf dem Rücken anderer.

Henning Sembritzki als jüdischer „Ghetto-Leiter“ gibt eine schillernde Figur, Sven Simon den sturen Befehlsempfänger. Heiner Kock spielt seine Rollen engagiert und überzeugend. Ins Ghetto platzt die Nachricht von der deutschen Niederlage im Kampf um Stalingrad. Wird die Rote Armee rechtzeitig eintreffen, um die Ghetto-Häftlinge zu retten? Der Schluss des Stückes soll nicht verraten werden.

Zum Online-Streaming kommt man mit ein paar Klicks über die Seiten des Theaters. Der Erwerb einer Eintrittskarte ist erforderlich, zehn Euro zum Normalpreis, 20 Euro als Unterstützer-Ticket, ermäßigte Karte für fünf Euro. Punkt 20 Uhr schaltet das Bild auf den Streamingdienst. 24 Stunden kann der Besucher danach auf das Video zurückgreifen. Am heutigen Sonnabend gibt es die nächste, am Sonntag die dritte Vorstellung. Beginn jeweils 20 Uhr.

Henning Sembritzki  als Gens, Leiter des Ghettos), und Sven Simon mit der Puppe Umah. Fotos: Falk von Traubenberg

Henning Sembritzki als Gens, Leiter des Ghettos), und Sven Simon mit der Puppe Umah. Fotos: Falk von Traubenberg


Text-Nummer: 144656   Autor: TD   vom 01.05.2021 um 10.40 Uhr

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