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HL historisch: Vor 25 Jahren Thomas Mann-Preis für Grass

Lübeck: Archiv - 15.05.2021, 12.49 Uhr: Das Jubiläum wurde nicht gefeiert. Trotzdem sei daran erinnert. Immerhin betrifft es zwei berühmte Persönlichkeiten, deren Namen mit Lübeck verbunden sind. Vor 25 Jahren, am 5. Mai 1996, wurde der Schriftsteller Günter Grass mit dem Thomas Mann-Preis ausgezeichnet. Wenige Tage später, am 9. Mai, las er im Stadttheater aus seinem Werk „Ein weites Feld“.

Zur Überreichung des Preises war in den Scharbausaal der Stadtbibliothek gebeten worden. Ein passender Ort. In unmittelbarer Nähe liegen die Räume, in denen Thomas Mann die Schulbank drückte. Zum Festakt hatten Bürgermeister Michael Bouteiller, Stadtpräsident Peter Örtling und Kultursenator Ulrich Meyenborg eingeladen.

Die Laudatio auf den Preisträger hielt Adolf Muschg. Er begann seine Rede mit dem Hinweis darauf, dass „der erste bedeutende Literaturpreis, der Günter Grass zugesprochen wurde“, bereits mit dem Namen einer Hansestadt verbunden war, nämlich 1959 mit Bremen. Muschg: „Nur bekommen hat er ihn dann nicht, denn der Bremer Senat hat die Verleihung abgelehnt. In der 'Blechtrommel' hatte der 32-Jährige für regierende Nasen, auch sozialdemokratische, zu wüst aufgetischt“.

Muschg an anderer Stelle: „Ein Autor, der nicht jung stirbt wie Büchner, hat viel damit zu tun, einen (frühen) Geniestreich zu überleben. Aber wenn seine Tadler des Spiels 'Ätsch, du kannst es uns nicht recht machen' nie müde werden, muss ihm doch was gelungen sein. Damit haben sie ihm zugestanden, was sie so inbrünstig absprechen: Nachhaltige Geltung.“

In Anspielung auf Bremen betonte Muschg: „Unter diesen Umständen darf man mutig finden, wenn nun – 37 Jahre später – die zweite, pardon, die erste Hansestadt sich entschließt, Günter Grass einen Literaturpreis nicht nur zuzuerkennen, sondern diesmal auch zu verleihen.“

Seiner Dankrede hatte Günter Grass eine Überschrift gegeben: „Die Fremde als andauernde Erfahrung“, „wohl wissend, dass damit auch die Gegenwart, zum Beispiel das latent gefährdete Fremdsein in Lübeck angesprochen werden muss.“

Bürgermeister Bouteiller fand vor 25 Jahren deutliche Worte für den Konflikt zwischen Grass und einem Vorgänger als Thomas Mann-Preisträger, nämlich Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki: „Er findet in seinem vor allem sich selbst spiegelnden Offenen Brief Worte persönlicher Verletzung, der Ausgrenzung, der Vernichtung durch Häme!“

Der 1975 zum 100. Geburtstag Thomas Manns gestiftete Preis wurde damals alle drei Jahre allein von der Hansestadt Lübeck verliehen. Er war mit 15.000 D-Mark dotiert. Günter Grass war der achte Preisträger. Vor ihm hatten Peter de Mendelssohn, Uwe Johnson, Joachim C. Fest, Siegfried Lenz, Marcel Reich-Ranicki, Günter de Bruyn und Hans Wysling die Auszeichnung erhalten.

Laudator Adolf Muschg zur Lesung in den Kammerspielen des Stadttheaters: „Ich habe 'Ein weites Feld' jetzt zweimal gelesen. Ausgelesen ist es damit nicht.“ Und damit ehrt man Preisträger wohl am besten, dass man sie liest.

Vor 25 Jahren erhielt Günter Grass den Thomas-Mann-Preis. Foto: JW/Archiv

Vor 25 Jahren erhielt Günter Grass den Thomas-Mann-Preis. Foto: JW/Archiv


Text-Nummer: 144923   Autor: TD   vom 15.05.2021 um 12.49 Uhr

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