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Hadelich und Wellber begeisterten in der MuK

Lübeck: Archiv - 18.12.2021, 11.33 Uhr: Mit Superlativen geht der Rezensent sparsamst um. Er kann auch das inflationäre Werbe-"Star" bei Solisten und Dirigenten nicht mehr lesen, greift eher auf das Wort "außergewöhnlich" zurück – und bemüht hier doch einmal einen Superlativ: Was Violinist Augustin Hadelich, Dirigent Omer Meir Wellber und NDR-Elbphilharmoniker am Freitag in der MuK boten, war das Konzert des Jahres.

Augustin Hadelich ist hierzulande noch wenig bekannt: 1984 als Sohn deutscher Eltern in Italien geboren, lebt er seit 2004 in New York, spielt ein kostbares (Guarneri-)Instrument – und kann es singen lassen wie kein anderer zur Zeit. Er brachte die Rarität des Violinkonzerts (1938/39) von Benjamin Britten, das (meist) schwerste und zugleich schönste Werk der neueren Literatur. Es ist ein einziger Dialog, ein ständiges Fragen der Violine nach den letzten Dingen und das versöhnliche Antworten des Orchesters – mit höchsten Schwierigkeiten auf beiden Seiten. Hadelichs Eleganz und Gestaltung, sein Hineinhorchen in jeden Ton gab ihm eine besondere Aura. Und Wellber, der alle Hände voll zu tun hatte mit der Verzahnung und der Feinabstimmung des Orchesters, umgab ihn mit dem Respekt des Verstehenden und mit einer Dynamik, die unter die Haut ging. Hadelichs Zugabe war ebenso phänomenal: Er bewies, mit dem Andante aus der 2. Solosonate, wie eindringlich Bach zur Sprache gebracht werden kann.

Nach der Pause erklang eine weitere Verzahnung. Auf einen Text von Joshua Sobol hat die israelische Komponistin Ella Milch-Sheriff (*1954) kürzlich „Der ewige Fremde“ vertont: In diesem kurzen Monodram, des gleichfalls in die Tiefen des Menschseins dringt, dominiert wie bei Britten das Emotionale in allen postromantischen Farben zwischen kammermusikalischer Sensibilität und urgewaltigen Ausbrüchen. Als ewiger Wanderer auf dem Podium gestaltete der Schauspieler Eli Danker den Text eindringlich, Wellber ließ das Orchester vom Feinschliff zur Explosion – und unversehens in Beethovens 4. Sinfonie geraten...

Das war Absicht, denn Milch-Sheriff bezieht sich auf dieses Werk des Klassikers und dessen Humanitas. Das Auditorium war allerdings so hingerissen und verdutzt, dass es mitten in diese Nahtstelle hinein applaudierte. Was für einen Hochgeschwindigkeits-Beethoven man entwickeln kann, zeigte Wellber in den weiteren Sätzen – eigentlich zu viel des Guten, aber von einer technischen Perfektion der NDR-Sinfoniker getragen, wie sie nicht alltäglich ist. Das zeugte von der exzellenten Verfassung des Orchesters und vor allem vom Können dieses Dirigenten: Kein simpler Taktschläger, sondern ein vertrauender, fordernder Impulsgeber, setzte Omer Meir Wellber auf das Können der Musici, die mit fliegenden Vivace-Fahnen zu ihm überliefen – und sichtlich ebenso animiert worden waren wie die Besucher dieses denkwürdigen Abends.

Die NDR-Elbphilharmoniker waren am Freitagabend in der Lübecker MuK zu Gast.

Die NDR-Elbphilharmoniker waren am Freitagabend in der Lübecker MuK zu Gast.


Text-Nummer: 149038   Autor: Güz.   vom 18.12.2021 um 11.33 Uhr

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