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Bericht zur Kinder-Psychiatrie nach dem Zweiten Weltkrieg

Lübeck: Archiv - 12.02.2022, 11.15 Uhr: Das Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung (IMGWF) der Universität zu Lübeck hat einen Abschlussbericht über die Situation von Kindern und Jugendlichen veröffentlicht, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Schleswig-Holstein in der Psychiatrie und in Einrichtungen der Behindertenhilfe untergebracht waren. Die Forscher sprechen von einem „erschreckenden Bild“.

Im Auftrag des Sozialministeriums Schleswig-Holstein hat das IMGWF im Zeitraum von 2018 bis 2021 zwei Studien zur Situation in der Psychiatrie und Einrichtungen der Behindertenhilfe in Schleswig-Holstein in der Nachkriegszeit durchgeführt.

Anlass für diese Studien waren die breite öffentliche Diskussion über Medikamentenversuche im ehemaligen Landeskrankenhaus Schleswig und Zeugnisse von Betroffenen über Gewalt- und Missbrauchserfahrungen. Die erste Studie behandelte deshalb die Medikamentenversuche in der schleswig-holsteinischen Psychiatrie in den Jahren 1949 bis 1975, die zweite Studie untersuchte die Erfahrungen von Leid, Unrecht, Gewalt und Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen in psychiatrischen Einrichtungen beziehungsweise Einrichtungen der Behindertenhilfe im Zeitraum von 1949 bis 1990.

Jetzt wurde der Abschlussbericht der zweiten Studie veröffentlicht. Für diese Arbeit hat das Team der Universität zu Lübeck um Prof. Cornelius Borck mit Prof. Gabriele Lingelbach, Historisches Seminar, und Prof. Sebastian von Kielmansegg, Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Medizinrecht von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel zusammengearbeitet. Sie haben Interviews mit Betroffenen, Angehörigen und ehemaligen Mitarbeitenden geführt und darüber hinaus die vorhandenen Aktenüberlieferungen und die zeitgenössische Medienberichterstattung ausgewertet.

Im Fokus standen dabei die kinder- und jugendpsychiatrische Abteilung Schleswig-Hesterberg, die Schleswiger Schule für Minderjährige mit Hörbeeinträchtigungen sowie ein Heim für Kinder mit geistigen Behinderungen in Wyk auf Föhr. Die wissenschaftliche Aufarbeitung zeichnet ein erschreckendes Bild von Vernachlässigung und Misshandlungen, die Kinder und Jugendliche in schleswig-holsteinischen Institutionen erfahren mussten: Die Mehrheit der Betroffenen berichtete in einem schockierenden Ausmaß von Schlägen, Zwang, Missbrauch, medikamentöser Ruhigstellung und Ausbeutung, unter deren Folgewirkungen sie bis heute zu leiden haben.

Prof. Borck: „In allen von uns untersuchten Einrichtungen kam es regelmäßig zu Gewalt, obwohl die Misshandlung von Schutzbefohlenen bereits damals dienstrechtlich verboten war. Unsere Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit eines wirksamen Schutzes von minderjährigen Patienten und Bewohnern.“

Die Studie konnte ferner zeigen, dass die Reformbemühungen in Psychiatrie und Behindertenhilfe auf Bundesebene nach der „Psychiatrie-Enquête“ der 1970er Jahre in Schleswig-Holstein nur verhalten und verzögert Niederschlag fanden. Die gravierenden Missstände in der psychiatrischen und heilpädagogischen Unterbringungspraxis blieben bis zum Ende des Untersuchungszeitraums 1990 weitgehend bestehen. Der Abschlussbericht dieser Studie zu Erfahrungen von Leid und Unrecht steht zum Download zur Verfügung.

Die Studien

Erste Studie über die Praxis der Medikamentenversuche in schleswig-holsteinischen Einrichtungen der Behindertenhilfe sowie in den Erwachsenen-, Kinder- und Jugendpsychiatrien in den Jahren 1949 bis 1975: www.schleswig-holstein.de

Zweite Studie zu Leid und Unrecht bei der Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in schleswig-holsteinischen Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie in den Jahren 1949 bis 1990: www.imgwf.uni-luebeck.de

Die Studien der Uni Lübeck stehen jetzt zum Download bereit.

Die Studien der Uni Lübeck stehen jetzt zum Download bereit.


Text-Nummer: 149942   Autor: Uni/red.   vom 12.02.2022 um 11.15 Uhr

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