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Spannende Oper: Britten-Premiere 2

Lübeck: Archiv - 12.03.2022, 14.51 Uhr: Man wundert sich angesichts von „The Turn of the Screw“: Gleich zwei Opernraritäten von Benjamin Britten in einer Saison? Dahinter steckt Kalkül. Erstens wird mit kleinerer Sänger- und Orchesterbesetzung den Unwägbarkeiten von Corona-Einschränkungen begegnet, dann kann ein Meisterkomponist des 20. Jahrhunderts gleich zweimal erkundet werden, und schließlich bedeutet dieses Werk noch eine deutliche musikalische Steigerung gegenüber „Owen Wingrave“.

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Das erfuhr das Premierenpublikum im Großen Haus, war ergriffen und begeistert, applaudierte nach zweieinviertel Stunden Hochspannung und Hochleistung allen Mitwirkenden stärker und länger als sonst. Denn diese Oper ist ein Kunstwerk ganz eigener Art, was den Inhalt wie auch die Partitur betrifft. Die Handlung beruht auf einer Erzählung von Henry James (1843-1916) und ist purer Symbolismus: Eine Gouvernante soll in einem englischen Schloss zwei Kinder betreuen, stößt auf Ungereimtheiten und Widerstände, weil sich mit dem Jungen Miles ein Missbrauchsskandal verbindet. Der aber wird unter der Decke gehalten – hier: alles in einem Schrank versteckt. So dreht sich die Schraube (turn of the screw) der Verdächtigung und Täuschung, bis (nach der Pause) Klärung, wenn auch keine endgültige Entwarnung kommt.

Regisseur Stephen Lawless hat nach „Owen Wingrave“ wieder die altenglische Atmosphäre getroffen: Auf der einen Seite die Natürlichkeit von Haushälterin und den Geschwistern, auf der anderen das Bedrohliche des infamen Mr. Quint sowie der Untoten Miss Jessel – dazwischen die suchende, verunsicherte Gouvernante. Der klaren, mätzchenfreien Personenregie entspricht Ausstatter Frank Philipp Schlößmann mit sachlicher Kleidung und einem großen weißen Vorhang für schnellen Szenen- und Stimmungswechsel.

Benjamin Britten interessierte stets das Psychologische eines Opernstoffs. Bei diesem gelang ihm ein auf- und anregendes Kunstwerk, das lange nachhallt: Welche Stimmungen und orchestrale Wirkungen er mit einem ausgesuchten Instrumentarium (wenige Streicher und Bläser, Harfe, Röhrenglocken) erzielt, ist exemplarisch. Von Gedankenreinheit über infames Ansinnen bis zu Obsessionen – er bleibt im Tonalen und findet aufregende Klänge. Dabei ist die vokale Seite genauso packend, verlangt in ihrer Sprunghaftigkeit den Sängern alles ab.

In diesem schwierigen Britten-Parlando der hohen Stimmen mit immer wieder gebrochenen Spitzentönen finden sich alle sechs Protagonisten mühelos zurecht – voran Evmorfia Metaxaki, die als Gouvernante den größten Part hat und über sich hinauswächst. Nicht minder strapaziert wird Wolfgang Schwaninger (Quint), dessen baritonales Fundament die Bedrohung stärkt. Wioletta Hebrowska (Haushälterin) hat auch den Sympathie-Bonus der Rolle, Sabina Martin (Miss Jessel) fühlt sich in hohen Lagen wohl. Nataliya Bogdanova ist vokal und spielerisch präsent als Kind Flora. Die erstaunlichste Leistung bringt Jakob Geppert: Der junge Gast aus Dortmund verfügt über einen sicheren, tonschönen Knabensopran und spielt zudem mit bezwingender Natürlichkeit.

Die Mitglieder des Philharmonischen Orchesters, die im Graben die komplexe Partitur Brittens umsetzten, hätten es verdient, alle genannt zu werden. Denn sie sind hier geforderte, vorzügliche Instrumentalsolisten. In Erstem Kapellmeister Takahiro Nagasaki haben sie zudem den Dirigenten, der keinen Ton, keine melodische Linie, keine Klangballung aus den Augen verliert. So ergibt sich ein Kunstwerk höchster Qualität, dem viele Besucher zu wünschen sind – mit der Empfehlung, die Oberstufen der Gymnasien auf „The turning of the screw“ vorzubereiten und eine Vorstellung zu erleben, damit sie sich nicht nur mit dem Thema auseinandersetzen, sondern große Musik erleben und begreifen lernen.

Evmorfia Metaxaki als Gouvernante. Im Hintergrund: Wolfgang Schwaninger als Quint und Sabina Martin als Miss Jessel. Fotos: Jochen Quast

Evmorfia Metaxaki als Gouvernante. Im Hintergrund: Wolfgang Schwaninger als Quint und Sabina Martin als Miss Jessel. Fotos: Jochen Quast


Text-Nummer: 150473   Autor: Güz.   vom 12.03.2022 um 14.51 Uhr

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