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Aktionsplan gegen Antisemitismus: Fehlen wichtige Aspekte?

Lübeck: Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und der Landesverband der jüdischen Gemeinden Schleswig-Holstein begrüßen den von der Hansestadt Lübeck vorgelegten Aktionsplan gegen Antisemitismus. Der Antrag enthalte viele wichtige Initiativen und Einzelmaßnahmen. Sie schlagen allerdings Ergänzungen vor.

Dr. Jan Schenkenberger, Ansprechpartner des Reichsbanners für Schleswig-Holstein, hält den Grundansatz des Aktionsplans allerdings für fragwürdig. Antisemitismus sei zwar eine Spielart gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, der Lübecker Schwerpunkt auf Rassismus sei hingegen falsch: „Die Herkunft von Juden spielt bei antisemitischen Überzeugungen meist keine Rolle.“ Juden lebten seit Jahrhunderten ganz selbstverständlich in Deutschland, vor Verfolgung habe sie das auch in Lübeck nie geschützt. Auch der Schwerpunkt auf Demokratiebildung sei wichtig, habe aber mit Antisemitismusbekämpfung nichts zu tun: „Das Phänomen des Antisemitismus ist erheblich vielschichtiger als im Maßnahmenpaket dargestellt“, merkt Schenkenberger an. Antisemitismus sei rassistische oder kulturelle Ablehnung von Juden. „Oft zeigt sich Antisemitismus auch in Feindschaft gegenüber Israel oder im Glauben an Verschwörungserzählungen. Antizionismus, israelbezogene Judenfeindlichkeit oder antisemitische Motive politischer Verschwörungsmythen wie dem sog. ‚great reset‘ bleiben im Aktionsplan der Hansestadt unberücksichtigt“, kritisiert er. Die Stadt blende wesentliche Aspekte von Antisemitismus aus. Obendrein sei auch die „Auswahl jüdischer Partner lückenhaft“. Sie stehe in keinem Verhältnis zur Vielfalt jüdischen Lebens in der Stadt, so Schenkenberger.

Joshua Pannbacker vom Landesverband der jüdischen Gemeinden Schleswig-Holstein schließt sich dieser Kritik an. Der Aktionsplan sei ehrenwert, aber „zu museal und rückwärtsgewandt“: „Antisemitismusprävention beginnt nicht mit dem Blick auf die Vergangenheit.“ Wichtig sei vor allem ein offener Kontakt zu Juden und gelebtem Judentum. Dafür seien beide jüdischen Gemeinden der Stadt wichtige Ansprechpartner: „Im Aktionsplan fehlen viele wichtige Akteure und Programme: die liberale jüdische Gemeinde Lübeck und der Landesverband der jüdischen Gemeinden Schleswig-Holstein. Es fehlen Vereine wie arzenu Deutschland oder Akteure wie die israelische Botschaft. Es ist offenbar nicht geplant, an Schulen gezielt Projekte mit Juden über heutiges jüdisches Leben in Deutschland zu machen – wie es sie etwa im Rahmen von Meet a Jew seit langem gibt.“ Zusammenfassend merkt Pannbacker an, dass Antisemitismusprävention und -bekämpfung eine Querschnittaufgabe sei, die sich nicht als Aufgabe eines einzelnen Fachbereichs oder einzelner Partner verstehen lasse: „Es ist eine Aufgabe für die ganze Stadt, die ganze Gesellschaft und damit auch für die ganze Verwaltung, die entsprechende Programme in allen Gesellschaftsbereichen verlangt.“ Dazu gehörten ausdrücklich auch Fortbildungen für Verwaltung, Justiz und Polizei.

Antisemitismusprävention sei mehr als Demokratieerziehung und antirassistisches Engagement. Das beste Mittel gegen Vorurteile und Antisemitismus seien persönliche Begegnung und Austausch, sind sich Joshua Pannbacker und Jan Schenkenberger einig. Juden seien mehr als nur Opfer von Antisemitismus und Diktatur, das deutsche Judentum kulminiere nicht in der Shoa. Die Hansestadt müsse hier nachbessern, so die gemeinsame Forderung.

Lübeck arbeitet an einem Aktionsplan gegen Antisemitismus.

Lübeck arbeitet an einem Aktionsplan gegen Antisemitismus.


Text-Nummer: 152107   Autor: Reichsbanner/red.   vom 08.06.2022 um 10.39 Uhr

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