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SHMF: Sokolov auf Piano-Gipfeln

Lübeck: Archiv - 21.07.2022, 16.58 Uhr: Grigory Sokolov zählt seit Jahrzehnten zu den Meisterpianisten und geht unbeirrt seinen Weg durch die Tradition. Bei seinem Festival-Gastspiel in der bestens besuchten MuK bestieg er wieder Gipfel mit Beethovens „Eroica-Variationen“ (1802) und Schumanns „Kreisleriana“ (1838). Sie sind Prüfsteine für jeden Pianisten – ebenso die drei späten Brahms-Intermezzi von 1892. Es wurden die erwarteten zwei Sternstunden im SHMF 2022.

Auf dem für ihn wie stets gedimmten Podium geht Sokolov stoisch an den von Steinway aus Hamburg herangeschafften Flügel und beginnt – kein Tastenlöwe, sondern ein sich ins Werk versenkender Interpret. Nach den drei Auftaktschlägen tastet er sich an Beethovens op. 35 heran, das zwar ein Thema aus der „Eroica“-Sinfonie verabreitet, doch nie „heroisch“ wird. Und so ensteht bei Sokolov ein ganzer Kosmos – abgeklärt und glasklar, wobei die linke Hand nie die rechte dominiert, sondern in den einzelnen Variationen immer wieder „unterläuft“. Dieses vollendete Gedanken- und Fingerspiel mit abschließender Fuge mit solcher Hingabe „erzählt“ zu bekommen, wurde zum Erlebnis.

Das zweite schloss sich an mit den so schlichten, so sanglichen Brahms-Intermezzi op. 117. Dreimal Andante, dreimal gleichsam ein Wiegenlied, darin Sokolov sich versenkte mit einer Reinheit der Empfindung gleich im Es-Dur-Intermezzo; mit zu Herzen gehender Bewegung hellte im b-Moll-Intermezzo die rechte Hand auf, was die linke abdunkelte; und im cis-Moll-Intermezzo wurde das Raunen zum Aufmuntern: Was das Wort von der „Trösterin Musik“ besagen will – hier wurde es Klang, uneitel und mit einer Selbstverständlichkeit vorgetragen, die das Wort „Perfektion“ nicht braucht.

Nach der Pause der zweite Gipfel mit Schumanns „Kreisleriana“ op. 16, diesen acht Sätzen, die purer romantischer Sturm und Drang sind. Hier zeigte Grigory Sokolov – technisch sowieso in jeder Phase souverän – schon mal die Pranke, etwa wenn er eingangs die Noten ungeduldig vor sich hertrieb. Unter seinen Fingern entstand der ganze Künstlerleben-Kosmos, sie ließen im Scherzo (Nr. 5) die Triolen hüpfen und im Finale die Sehnsuchtsmotive verklingen. Der Schlussbeifall des Publikums steigerte sich zu Ovationen, die Sokolov mit sechs (!) Zugaben von Brahms, Rachmaninff, Scriabin, Chopin und Bach-Siloti „belohnte“: stoisch wie stets, da er ja nichts weniger und nichts mehr als den Werken dienend gespielt hatte – wie nun seit fünfeinhalb Jahrzehnten.

Grigory Sokolov musste dem begeisterten Publikum in der MuK sechs Zugabe geben. Foto: Vico Chamla

Grigory Sokolov musste dem begeisterten Publikum in der MuK sechs Zugabe geben. Foto: Vico Chamla


Text-Nummer: 152947   Autor: Güz.   vom 21.07.2022 um 16.58 Uhr

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