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SHMF-Orchester: Heidnische Kräfte

Lübeck: Archiv - 23.07.2022, 11.58 Uhr: Krzystof Urbansky hat das zweite von den vier Programmen des Festival-Orchesters einstudiert. Der polnische Dirigent, der 2015 den Bernstein-Award des SHMF erhielt, stellte ins Zentrum „Le Sacre du printemps“ von Igor Strawinsky: jenes Werk, das immer wieder eine Herausfordung für die internationale junge SHMF-Truppe bedeutet – und mit dessen erster Zusammenkunft Leonard Bernstein 1987, damals noch in der Stadthalle, eine legendäre Interpretation bot.

Dieser Ballettmusik stellte Urbansky eine weitere gegenüber, die von Strawinskys „Sacre“ (1913) angeregte „Skythische Suite“ (1916) von Sergei Prokofieff. Auch hier entwickeln sich heidnische Kräfte, treiben Solo, Pas de deux und Corps de ballet auf die Spitze und das Orchester zu orgiastischen Klangballungen. Das beginnt mit hartem Staccato, Stampfen, Blech-Salven, geht über Pauken-Donner in ein „Nacht“-Pianissimo zur finalen Windsbraut mit Klezmer-Klarinette. Urbansky, ästhetisch bis in die Finger- und Fußspitzen, gab Disziplin vor und erhielt sie zurück vom Orchester, in dem mit Frederike Gast (Violine) diesmal auch eine Lübeckerin sitzt.

Quasi als Erholung folgte aus „Naive and Sentimental Music“ (1999) von John Adams der 2. Satz „Mother of the Man“. Diese Elegie voller Taktwechsel spielt mit flüsternden Streichern, Singender Säge, Röhrenglocken und Fagottsolo, bis sie versiegt. Im Mittelteil darübergelegt, quasi als cantus firmus, eine Sologitarre: Sean Shibe, diesjähriger Bernstein-Award-Preisträger (Verleihung am 19. August in der MuK), hatte hier seinen ersten Auftritt und blieb, trotz Verstärker, nur ein naiver Hauch im Geschehen. Der Dirigent koordinierte elegant diese etwas harmlose Umsetzung der Gedanken von Friedrich Schiller.

Nach der Pause dann der „Sacre“, das entfesselte musikalische Geschehen, das seinerzeit einen Skandal hervorrief und noch immer ein Orchester-Prüfstein ist. Schon der Einstieg ist schwer für die Solo-Holzbläser und den Streicher-Parforce-Ritt, den Urbanski – wie auch bei Prokofieff kam er ohne Partitur aus – überaus ruppig nahm. Immer wieder entfesselte er dann die urtümliche Gewalt, drängte auf Tempo, hatte die Taktwechsel im Griff – und die jungen Musiker, die die ganze MuK-Bühne füllten, folgten jedem Wink. Doch bei aller Präzision, die der Maestro einforderte, fehlte der Wiedergabe eines: die mitreißende Sinnlichkeit, das Unter-die-Haut-Gehende.

Der Beifall nach dieser Gewalt-Leistung war groß von einem Publikum, das noch zahlreicher hätte sein können: So interessant das Programm für den Kenner war, so wenig sagten die Werke von Prokofieff und Adams etwas dem erweiterten Kreis der Festivalfreunde.

Krzystof Urbansky war mit dem Festival-Orchester in der MuK zu erleben. Foto: Marco Borggreve

Krzystof Urbansky war mit dem Festival-Orchester in der MuK zu erleben. Foto: Marco Borggreve


Text-Nummer: 152973   Autor: Güz.   vom 23.07.2022 um 11.58 Uhr

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