Diese Seite verwendet Cookies für die Funktionalität und für anonymisierte Statistiken.
Stimmen Sie auch der Verwendung von Cookies durch Drittanbieter auf dieser Website für die Schaltung von personalsierter Werbung zu? Weitere Informationen
Sie können Ihre Zustimmung jederzeit auf der Seite Impressum / Datenschutz widerrufen.
Dort finden Sie auch weitere Informationen zu Cookies.

SHMF: Schnelle Tempi mit Omer

Lübeck: Vor Corona wäre die MuK beim SHMF-Gastspiel eines bekannten Klangkörpers ausverkauft gewesen – zudem mit dem Porträt-Künstler des Jahres, dem Dirigenten Omer Meir Wellber. Am Sonnabend jedoch blieb mancher Platz frei - und mancher Musikfreund hat einen großen Abend versäumt. Vielleicht war auch die Programmänderung nicht rechtzeitig publik geworden: Denn es gab (statt Bernstein und Wagner) nun die 6. Sinfonie von Tschaikowsky neben Beethovens 3. Klavierkonzert.

Das allein lohnte schon den Eintritt. Denn mit Fazil Say saß ein schöpferischer Musikant am Flügel, der kontrastreich mit stets nachvollziehbarer eigener Gewichtung dieses Opus 37 gestaltete. Meir Wellber trug mit Augenmaß und ebenso dezidierter wie energischer Zeichengebung den Solisten und ließ ihm stets den Vortritt. Zumal in der Reprise des 1. Satzes, die Say noch schneller und heftiger, fast wütend spielte mit einer wunderbaren eigenen Kadenz. Wie angenehm, dass kein Applaus die Übergänge zu den nächsten Sätzen störte. Das Largo nahm Say ganz ausdrucksvoll, sanft und unschuldig – das war Poesie pur, wie sie im 21. Jahrhundert selten geworden ist. Das Rondo sprühte vor Übermut, wobei der Dirigent die Holzbläser ihre Soli fein herausarbeiten ließ. Die Zugabe war eine Eigenkomposition: Fazil Say ließ die Hämmer auf Tasten und abgedeckten Saiten über das Auseinanderstreben von Osten und Westen klagen.

Die Musici aus London fanden dabei nur langsam zu großer Form. Die stellte sich nach der Pause ein bei Tschaikowskys „Pathétique“, der Meir Wellber mit unerhört schnellem Tempo alle Sentimentalität austrieb – entweder um der Larmoyanz zu entgehen, die diesem Werk innewohnt, oder um ein Zeichen zu setzen gegen die Barbarei, die derzeit von der Heimat des Komponisten ausgeht. Mit heftiger Gestik und viel Körpersprache peitschte Meir Wellber den Wintersturm des 1. Satzes zum Orkan. Der zweite Satz kannte bei ihm keine biedere Grazie mit Seufzern, sondern bot einen rhythmischen, leise verklingenden Reigen. Die Broadcast-Philharmonics wurden nun immer besser: So huschte der dritte Satz so leicht und locker vorüber, als sei Tschaikowsky ein unmittelbarer Mendelssohn Bartholdy-Nachfahre. Und das Finale entbehrte völlig des „Lamentoso“, kam eher als beruhigende Idylle mit aufrichtiger Melodik. Der Applaus nach beiden Werken war, nur zu verständlich, enorm.

Dirigent Omer Meir Wellber bekam in der MuK viel Beifall. Foto: Felix König

Dirigent Omer Meir Wellber bekam in der MuK viel Beifall. Foto: Felix König


Text-Nummer: 152985   Autor: Güz.   vom 24.07.2022 um 18.39 Uhr

Text teilen: auf facebook +++ auf Twitter +++ über WhatsApp

Text ausdrucken. +++  Text ohne Bilder ausdrucken.