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SHMF: Das Bernstein-Event

Lübeck: Archiv - 20.08.2022, 17.33 Uhr: Als vor 20 Jahren der erste Leonard-Bernstein-Award des SHMF (an den Pianisten Lang Lang) in der MuK verliehen wurde, war das ein „seriöses“ Ereignis. Als jetzt der Gitarrist Sean Shibe ausgezeichnet und mit 10.000 Euro ausgestattet wurde, war das ein lockeres Event, bei dem das Publikum sich gleichfalls zelebrierte: lauthalse Standing Ovations erst für einen 30-jährigen Newcomer, am Ende dann für den erfahrenen 82-jährigen Dirigenten Christoph Eschenbach.

Durchs Event führte die Dampfplauderin Janina Harder, die eingangs auf die 20 bisherigen Bernstein-Preisträger hinwies wie den Schlagzeuger Martin Grubinger, dann aufgekratzt die Preisverleihung moderierte und schließlich Shean Shibe, den Schotten mit japanischen Wurzeln, kundig auf englisch interviewte. Die Award-Vergeber Oliver Stolz (Sparkassen- und Giroverband-Präsident Schleswig-Holstein) und Dr. Christian Kuhnt (SHMF-Intendant) beschränkten sich auf wenige launige Worte und verwiesen angesichts des internationalen SHMF-Orchesters auf dessen „Weltklasse“ und die „gemeinsame Sprache der Musik“.

Für die klassische Gitarre gibt es ganz wenige Konzerte. Am beliebtesten ist das 1939 entstandene, großformatige „Concierto de Aranjuez“ des Spaniers Joaquin Rodrigo, in dem ein Motiv zum Ohrwurm gerinnt: südländische Melancholie mit gelegentlichen rassigen Fandango-Passagen – und fürs Orchester eine Pianissimo-Gratwanderung. Dem sentimentalen Kitsch entging Eschenbach mit größtmöglicher Zurücknahme des Tutti, um Shibe auf dem Tablett zu servieren. Dieses Tablett braucht allerdings doppelten Boden, sprich: einen Verstärker – denn ohne ihn wäre das Saitenzupfen total untergegangen. Shean Shibe beherrscht sein Instrument, was seine Grifftechnik besonders in der erst aufbegehrenden, dann ersterbenden Kadenz des 2. Satzes vermittelte. Weil er aber ein Mensch von heute ist, hat er sich auf der E-Gitarre gleichfalls kundig gemacht und präsentierte sich hier mit der Adaption eines Soloviolinwerks und finaler Pauke per Fuß: Diesen Sound, mit mächtigem Verstärker-Vibrato, ließ das Publikum noch mehr bejubeln als das Rodrigo-Konzert.

Mit der 8. Sinfonie von Antonin Dvorak beschloss Christoph Eschenbach, der SHMF-Orchestererzieher, den Abend. Mit sehr viel Rasanz ging er ins erste Thema und machte Druck, so dass gelegentlich ein Fight statt der romantischen Wellen zu hören war. Zur Idylle ausmusiziert wurde das Adagio mit dem Solo der Konzertmeisterin: Diese Violinistin bestach nicht nur hier durch ihr Feinfühligkeit, sondern durch die Souveränität, mit der sie der verlängerte Arm des Dirigenten war. Den dritten Satz nahm Eschenbach mehr als gefühlige Sehnsucht denn als erfrischende Folklore und trieb ins Finale mit heftig stampfendem Furiant. Wer es vermochte, der hörte – vor allem auf den Bläser-Positionen – junge Instrumentalisten mit exzellentem Können. Für Kenner waren sie das eigentliche Ereignis dieses Abends.

Die Preisverleihung an Shean Shibe in der Lübecker MuK. Foto: Felix König, Agentur 54°

Die Preisverleihung an Shean Shibe in der Lübecker MuK. Foto: Felix König, Agentur 54°


Text-Nummer: 153431   Autor: Güz.   vom 20.08.2022 um 17.33 Uhr

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