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Opern-Ereignis zum Saisonauftakt: Lohengrin

Lübeck: Regisseur Anthony Pilavachi, erfolgreichster Opernregisseur in Lübeck, bleibt sich auch bei seiner Interpretation von Richard Wagners „Lohengrin“ treu: Er serviert im Großen Haus dem Publikum nun eine krasse Lesart, frei von aller Deutschtümelei, dafür so gegenwartsbezogen, dass Wagnerianern vielleicht die Augen ausfallen – aber (wie auch allen anderen) die Ohren aufgehen bei der musikalischen Umsetzung durch GMD Stefan Vladar, die Philharmoniker, den Chor und ein hörenswertes Ensemble.

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Pilavachi lässt dem Publikum manche Lesart frei. Der Rezensent entscheidet sich für diese: Abkehr von hehrer Minne und Ehre hin zum Zeigen einer ausufernden Spaßgesellschaft, die vor der Realität – hier zumal vor einem Krieg – die Augen verschließt, Einheitsklamotten trägt und Party macht. Da haben die vier Edlen eher Zuhälter-Charakter und sind die vier Edelknaben derbe Punk-Girlies. Der Vorsitzende (König) Heinrich schwallt rum, lässt sich korrumpieren und gibt nach der Party eine klägliche Figur ab. In diesem Ambiente sind Elsa und Lohengrin die Normalos, also die Außenseiter, und werden zum Spielball.

Der Regisseur zeigt während des Vorspiels, wie die Intrigantin Ortrud den Knaben Gottfried und den Schwan, also das Glück, abmurkst. Dennoch bleibt das Kind der Hoffnungsträger, der immer wieder die Szene kreuzt und Federn streut wie Blumen zur Trauung – und am Ende als letzte Vision von Glück erscheint. Davor bewahrheitet sich noch die Geschichte, so dass Untaten ans Tageslicht kommen. Also wird die Intrigantin Ortrud ein böses Ende nehmen, das den von ihr aufgestachelten Partner Telramund bereits auf offener Bühne ereilt. Aber was soll's: Die Lichtgestalt Lohengrin wird verjagt, Elsa bleibt als Häufchen Elend und der Betrachter mit mancherlei Sinnfragen zurück.

Anthony Pilvachi erzielt einmal mehr höchst eindringliche Bilder, am präzisesten die Duo-Szenen im 2. und 3. Akt: Was erst an schmeichelnder Bösartigkeit zwischen Ortrud und Telramund abläuft, dann an Zuneigung zwischen der zweifelnden Elsa und dem positiven Lohengrin sich anbahnt, das geht unter die Haut. Dem stehen die mit vielen Details auf Krawall gebürsteten Massenszenen als rohe Bedrohung der Gesellschaft gegenüber.

Die hat Tatjana Ivschina mit viel schwarzem Humor kostümiert, nur Elsa trägt das Weiß der Unschuld und Lohengrin den heute verpönten Gesellschaftsanzug des Außenseiters. Und für den Schauplatz hat sie ein durchlässiges Gehäuse auf die Drehbühne gestellt, die im schnellen Szenenwechsel ebenso Aufmärsch-Getümmel wie solistische Konzentration ermöglicht.

Nach mehreren kurzfristigen Neubesetzungen von Hauptpartien, die zumal den Regisseur forderten, steht nun ein Ensemble auf der Bühne, das den Wagner-Anforderungen gerecht wird. Neben dem „hauseigenen“ Bass Rúni Brattaberg, der mit vollmundiger Tiefe dem jovialen König Heinrich füllige Statur gibt, überzeugen drei Gäste – voran in der Titelpartie der englische Tenor Peter Wedd: Er verfügt über den heldischen Glanz, im Register wechselnd vom feinen Piano in so strahlende Höhen (etwa in der Grals-Erzählung), wie sie hier selten erklangen; und er gibt dem Lohengrin klare Statur. Anna Gabler ist eine natürliche, weiche Elsa mit all dem Zagen und Hoffen und entsprechendem Sopran: ein wenig flatternd in der Mittellage, doch hoch oben rein und schön. Die Widersacher haben ebenso Format: Anton Keremidtchiev (Telramund) hat seinen kernigen, kultivierten Bariton in Lübeck bereits zeigen können – Bea Robein (Ortrud) bringt alle Intrigantin-Facetten im Spiel und vor allem ihren furiosen Mezzo ein. Jacob Scharfmann (ein markanter Heerrufer), vier Edle, vier Edelknaben und das Kind Gottfried (hier Hendrik Schwertfeger) halten vokal mit und beleben die Bühne samt einem riesigen Aufgebot von Chor und Extrachor (präzise einstudiert von Jan-Michael Krüger).

Die musikalische Seite überzeugt ebenfalls. GMD Stefan Vladar geht mit dem Violinen-Silberklang des „Nie sollst du mich befragen“ hinein in die Gefühle, macht mit großer Besetzung im Graben ebenso süchtig nach dem hochromantischen Wagner-Sound wie er die Blechbläser dick und knallhart die Realitäten vor Ohren führen lässt. Die Philharmoniker geben sich keine Blöße, ebensowenig Chor und Solisten, so dass zum Saisonauftakt im Theater Lübeck rundum ein Ereignis stattfindet, dem das Premierenpublikum – im fast ausverkauften Großen Haus nahezu Ereignis-erwartend gut gekleidet – seinen Respekt und Beifall nicht versagte.

Die Premiere hat das Publikum überzeugt. Fotos: Jochen Quast

Die Premiere hat das Publikum überzeugt. Fotos: Jochen Quast


Text-Nummer: 153710   Autor: Güz.   vom 05.09.2022 um 17.41 Uhr

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