Kammerkonzert für dreißig Finger
Lübeck: Archiv - 18.10.2022, 12.02 Uhr: Das 2. Kammerkonzert der Lübecker Philharmoniker bot Raritäten für dreißig Finger: Waldo Ceunen (Flöte), Vera Fliegauf (Fagott) und Tamami Toda-Schwarz (Klavier) hatten ein Programm mit dem Schwerpunkt 20. Jahrhundert einstudiert. Es war schon vor zwei Jahren terminiert, doch da kam der Lockdown dazwischen. Nun elebte ein interessiertes Publikum in den Kammerspielen, dass die Interpretationen offenbar noch gereift waren.Leitender Musikdramaturg Dr. Jens Porath setzte anschaulich das fort, was sein Vorgänger Christian Münch-Cordellier begonnen hatte: Mit präzisen Informationen stellte er Werke und ihre Komponisten vor. Und dann zeigten beide Bläser ihre musikantischen Solo-Qualitäten und die Pianistin ihre hohe Sensibilität. Im Trio (1978) von Harald Genzmer herrschte die Neue Sachlichkeit des Hindemith-Schülers vor, in den „Drei Stücken“ (1908) von Charles Koechlin bestach der melodische Wohlklang auf impressionistischer Basis. Und in Wilson Osbornes „Rhapsodie für Fagott“ (1952) schien ein ganzes Orchester mitzuschwingen: Bei dieser warmherzigen Erzählung von Vera Fliegauf klappte alles.
Fingerfertigkeit und Atemtechnik bestachen auch bei Waldo Ceunens Solo mit „Move it“ (2020) für Querflöte von Carlos Simon: höchste Brillianz bei Läufen, Schleif- und Off-Tönen ließen die Zuhörer regelrecht staunen. Das „Accelerando-Trio“ (1987) von Kurt Schwaen zeigte den Praktiker, welcher den Musici Melodien anvertraute, die im „Vivo“-Satz die Synkopen-Läufe in perfekter Abstimmung brachten.
Zu absoluten Höhepunkten wurden zwei Trios für diese seltene Besetzung: Chick Coreas Werk von 1976 verband Klassik und Jazz: Bei gebrochenen Klavier-Harmonien, Bebop-Rhythmus, Synkopen und Staccati und schließlich der Melodie-“Wanderung“ zeigten alle Drei ihr fundamentales Musikverständnis. Zumal Tamami Toda-Schwarz, die „klassische“ Interpretin par excellence, hatte die Rhythmik im Griff. Sie bot auch das Fundament beim abschließenden Trio (1856) von Louise Farranc: Bestens aufeinander abgestimmt, strömte hier Romantik pur, teilte sich die Spielfreude mit: Langer Beifall auch von vielen jungen Musikfreunden im Auditorium. Die Kammerspiele werden langsam zum Zentrum der philharmonischen Kammermusik.

Die Lübecker Philharmoniker konnten das zwei Jahren geplante Kammerkonzerte jetzt nachholen. Foto: Jan Philip Welchering
Text-Nummer: 154491 Autor: Güz. vom 18.10.2022 um 12.02 Uhr