Zu viel Kunst: Verschenken oder auf den Müll?

Lübeck - Travemünde: Archiv - 30.07.2023, 10.49 Uhr: Vierzehn Fragen an vierzehn Künstler standen am Samstagabend auf dem Programm einer Diskussionsrunde im Kreuzfahrtterminal. Darunter auch die Frage, wie die stetig steigende Flut an Kunstwerkern zu bewältigen ist. „Gibt es nicht zu viele Künstler inzwischen?“, fragte Moderator Rainer Wiedemann. Er hätte viele ältere Kollegen, die so viel Kunst gemacht hätten, „die man gar nicht weitergeben kann.“

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Depots quellen über
Rainer Wiedemann sprach von den Nachlässen vieler, bedeutender Künstler, die früher hohe Werte erreicht hätten. Die Museen würden aber nur ein, zwei Arbeiten ankaufen. „Alles weitere nimmt das Museum nicht an“, so Wiedemann. Die Depots der Museen würden überquellen. „Die Kunsthalle hat so viele Bilder oben auf den Dachböden“, erklärte er. Ohne Klimaschutz und nicht wirklich gut archiviert. „Da müsste der Staat, die Stadt, die Possehl-Stiftung, wer auch immer vielen Museen enorm finanziell unter die Arme greifen, um diese wirklich zu sichern und aufzuheben.“

Bilder in den Müll?
Doch was geschieht mit den laufend neu erstellten Kunstwerken? Bis in die neunziger Jahre hätten Land und Stadt jährlich angekauft, erzählte Rainer Wiedemann. „Dann haben die abrupt aufgehört, weil die nicht mehr wussten, wohin damit.“ Was soll mit diesen Bildern geschehen, fragte Wiedemann. Er selbst mache jetzt Ausstellungen, wo er „dann ganz billig die Kunst anbiete.“ Denn auch Wiedemann macht sich Gedanken, was aus seinen tausend Bildern einmal wird. Und überlegt schon, zu verschenken, was seine Kinder nicht wollen. Bevor die Kinder oder irgendein Nachlassverwalter dann nicht wüssten, wohin damit. Denn auch wenn ein Künstler vorher „gute Presse hatte, hochwertig war, kommt das dann in den Müll“, so Wiedemann. Als Beispiel nannte er einen Vorfall aus der Travemünder Kurgartenstraße, wo Gemälde auf dem Sperrmüll gefunden wurden. Die darf man dann ja nicht einmal mitnehmen.

Weniger Sammler, volle Wände
Es gäbe immer weniger Sammler, erzählte Rainer Wiedemann in seinem Vortrag. Und die Interessenten würden sagen: „Wo soll ich das noch hinhängen, ich hab schon so viel. Es passt gar nicht mehr rein.“ Dazu kämen die neuen Techniken: Die Leute machen dann mit Handy ein Foto. „Dann haben sie das Bild. Und drucken es vielleicht selber aus.“

Bilderschränke statt Bücherschränke?
Aus den Reihen der anwesenden Künstler kamen verschiedene Vorschläge. Einer regte eine Institution an, die die Bilder kostenlos als Dauerleihgabe an Firmen gibt. Ein anderer schlug vor, etwas nach dem Vorbild der Bücherschränke zu schaffen. Wo man Bilder kostenlos mitnehmen und auch hineingeben könne. So fülle und leere sich das Regal und es verstaube nichts im Keller.

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Sind „Bilderschränke“ nach dem Vorbild der bekannten Bücherschränke (hier in Israelsdorf) eine Lösung, die Werke doch noch an die Wände zu kriegen?

Ein dritter Künstler meinte, er wolle seine Bilder nicht verschenken. Er habe lange daran gearbeitet. Dann würde er das Werk lieber in der Trave schwimmen lassen und zugucken, wie es untergehe. Moderator Wiedemann merkte an, dann solle er aber vorher der Presse bescheid sagen.

Galerie „Hafenpanorama“ noch am Sonntag
Wer selbst mit den beteiligten Künstlern ins Gespräch kommen möchte, kann das noch am Sonntag, 30. Juli 2023, auf der Ausstellung „Galerie Hafenpanorama“ tun. Die Veranstaltung findet im Rahmen der „Travemünder Woche“ im Kreuzfahrtterminal (Vorderreihe 44-45, 23570 Travemünde) statt und öffnet vom 21. bis 30. Juli 2023 täglich 14:00 bis 21:00 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Zu viele Künstler, zu viel Kunst? Rainer Wiedemann sprach im Kreuzfahrtterminal über volle Depots und die Frage nach dem Wohin mit all den Bildern. Fotos: Helge Normann

Zu viele Künstler, zu viel Kunst? Rainer Wiedemann sprach im Kreuzfahrtterminal über volle Depots und die Frage nach dem Wohin mit all den Bildern. Fotos: Helge Normann


Text-Nummer: 160299   Autor: Helge Normann   vom 30.07.2023 um 10.49 Uhr

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