500 Jahre Evangelisches Kirchengesangbuch

Lübeck - Innenstadt: Zum Jubiläum des Evangelischen Kirchengesangbuches gab es am Sonnabend in der Jakobikirche eine Reise durch die Geschichte des evangelischen Kirchenliedes in Wort und Ton.

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Die Idee hatte die rührige Kirchenmusikdirektorin Andrea Wiese von der Kirchengemeinde in Wohltorf bei Hamburg. Mit ihrem Vokalensemble und der kleinen Kurrende studierte sie A-cappella-Werke aus fünf Jahrhunderten ein und begab sich im Auftrag der Nordkirche auf die Reise. Schon in Hamburg, Stralsund und Rostock haben die Sänger Musik-Gottesdienste gestaltet unter dem Motto „Davon ich sing’n und sagen will“.

Am Sonnabend waren sie zu Gast in der Lübecker Jakobikirche. Mit von der Partie war Kirchenmusikdirektor und Dozent für Hymnologie an der Musikhochschule Lübeck Hans Martin Petersen. Er gab in vier Teilen einen Überblick über die Erfolgsgeschichte dieser Errungenschaft der Reformation. Launig, durchsetzt mit Anekdoten stellte Petersen die verschiedenen Entwicklungsstadien des Kirchenliedes dar. Ohne die Erfindung des Buchdrucks hätte die Erfolgsgeschichte des Kirchenliedes so nicht stattfinden können, danach hat es nicht nur konfessionelle, sondern auch sämtliche politische und gesellschaftliche Veränderungen und geistige Strömungen durchlaufen. Vom ersten „Achtliederbuch“ des Jahres 1524 ging die Reise bis zu den ganz neuen Versuchen, religiöse Lieder aus aller Welt und alle musikalischen Stile und Mittel zu verwenden.

Die Hansestadt Lübeck und insbesondere die Jakobikirche spielten übrigens eine besondere Rolle in der Geschichte des evangelischen Kirchenliedes, man spricht sogar vom „Lübecker Sängerkrieg“. In der alten Kirche, also der katholischen, wurde in der Gemeinde überhaupt nicht gesungen, es gab nur liturgische Melodien vom Priester. Nun war der Wunsch, das Wort Gottes verstehen und auch darauf antworten zu können, so groß, dass das Singen der ersten bekannten reformatorischen Gesänge zu einer regelrechten Protestaktion wurde.

Entwicklungen und Veränderungen geschahen durch die vielen Religionskriege, allen voran des 30-jährigen Krieges von 1618 bis 1648, während dem der sicher größte deutsche Kirchenlieddichter, der Pfarrer Paul Gerhard, trotz seines schweren Schicksals tröstliche Texte verfasste, Mut machte, Lebensfreude vermittelte. Sein bekanntestes Lied ist „Geh aus, mein Herz und suche Freud“.

Paul Gerhardt, bei dem das Bekennen zum Glauben zu einer explizit persönlichen Angelegenheit geworden war, folgten Vertonungen alttestamentarischer Texte, vor allem der Psalmen. Danach machten sich süßliche, enthusiastische Anwandlungen im Pietismus breit. Der Wille zur Vernunft in der Aufklärung wiederum sorgte für viele Änderungen in Liedtexten, so schläft nicht die „ganze Welt“ im berühmten „Nun ruhen alle Wälder“, sondern nur noch die „halbe Welt“. Mit dem Klassizismus und dem aufkommenden Nationalbewusstsein entstand der Wunsch nach einem deutschen Einheitsgesangbuch, die vielen verschiedenen Landeskirchen einigten sich zunächst auf einen gemeinsamen Grundbestand von 150 Liedern, das einheitliche Ziel wurde erst im 20. Jahrhundert erreicht.

Auch das geistliche Volkslied wurde immer populärer – „Weißt Du, wieviel Sternlein stehen“ beispielsweise. Durch die schrecklichen Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland musste auch das Kirchengesangbuch hindurch. Besungen wurde heldisches Christentum, die Lieder mussten „judenrein“ werden. Namen und Wörter wie Jerusalem oder Abraham wurden ausgemerzt. Nach 1945 begannen die Bestrebungen, alles Volkstümliche in den Gesangbüchern zu entfernen. Lieder wie „Stille Nacht, heilige Nacht“ galten als zu sentimental, bis es schließlich in den 60er und 70er-Jahren als Folge einer gesellschaftlichen Neuorientierung zu Einflüssen von Jazz und Gospel in den Kirchengesängen kam. Ein Übriges taten die vielen, in den Gemeinden gerne aufgenommenen Kirchentagslieder, erwähnt wurde von Petersen hier „Danke, für diesen guten Morgen“ von 1963. Beide Konfessionen, evangelisch wie katholisch, arbeiten seit geraumer Zeit an der Aufnahme ökumenischer Lieder in ihre Gesangbücher.

Das letzte evangelische Gesangbuch kam 1994 heraus – das ist nun 30 Jahre her, und zurzeit arbeitet man an einer neuen Version, die wahrscheinlich vieles aus dem Rock-Pop-Bereich enthalten wird.

Die Jakobikirche war sehr gut besucht, mit großem Vergnügen lauschte man dem Vokalensemble und der kleinen Kurrende aus Wohltorf. Das war ein feiner Chorklang, auffällig der schlank und gerade geführte Sopran, die überdurchschnittlich gut besetzten Männerstimmen, die ausgewogene Stimmenbalance. Alle waren ernsthaft und dennoch freudig bei der Sache, auch das war beeindruckend.

Arvid Gast, seit 2004 Professor für Orgel und Sprecher der Kirchenmusikabteilung der Musikhochschule Lübeck, seit 2005 Titularorganist an der Jakobikirche steuerte an der Großen Jakobiorgel einen Satz aus Mendelssohns Sonate c-Moll op. 65/2 sowie von C.Ph.E. Bach ein Präludium bei.

Die Besucher hatten die Gelegenheit, teils abwechselnd mit dem Chor, jeweils zeittypische Kirchenlieder zu singen. Jakobipastorin Bärbel Reichelt gab den liturgischen Rahmen – es war eine sehr gelungene Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Jakobi Punkt 5“.

Der Kirchenmusikdirektor Hans Martin Petersen gab einen Überblick über die Geschichte des Kirchenliedes seit der Reformation. Fotos: S. R. Feldhoff

Der Kirchenmusikdirektor Hans Martin Petersen gab einen Überblick über die Geschichte des Kirchenliedes seit der Reformation. Fotos: S. R. Feldhoff


Text-Nummer: 166240   Autor: Svea Regine Feldhoff   vom 02.06.2024 um 10.25 Uhr

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