MHL-Examina, Philharmoniker, Entdeckungen

Lübeck - Innenstadt: In der Musikhochschule bot das Solistenkonzert mit Konzertexamina drei hier unbekannte Werke, darunter zwei so gute, bei denen man sich fragt: Warum haben sie (noch) keinen Einzug ins Repertoire gehalten? Jedenfalls waren die Lübecker Philharmoniker im großen Saal der MHL topfit unter Leitung von Takahiro Nagasaki, der sie und die vier jungen Musiker zur Höchstleistung führte.

Das Oboenkonzert des nahezu unbekannten süddeutschen Romantikers Bernhard Molique ist ein unkompliziertes, spielfreudiges Werk, das der Solistin Kana Kabayashi die Möglichkeit gab, einen eleganten Ton zu entwickeln. In drei durchgehenden Sätzen ließ Nagasaki ebenso genau begleiten wie Kabayashi den Läufen und Trillern den rechten Schwung gab, um im Finale die Triolen regelrecht hüpfen zu lassen. Hier schon war das kleine Publikum (Fußball-WM!) begeistert.

Es folgte die Entdeckung des Abends, das Cellokonzert von William Walton. 1956 entstanden, ist es ein „konsonantes“ Werk voller Überraschungen. Im Eingangs-Moderato lässt Walton das Cello erzählen – und der Solist Benjamin Lai kostete das mit gleichermaßen lyrischem wie energischem Ton aus. Im Allegro moderato wird es schwungvoll, Lai meisterte die Staccati und heftigen Läufe, hier ist im Fingersatz alle Mikrotechnik gefragt – und Nagasaki forderte die Philharmoniker im ebenso heftigen Konterpart. Das Finale, Tema ed Improvisazioni, pendelt zwischen feiner Lyrik und furiosen Passagen, zwischen erfindungsreichen Variationen voller Doppelgriffe in der Kadenz und wild tanzendem Tutti: Höchste Schwierigkeiten für den bereits meisterlichen Benjamin Lai wie auch für die Philharmoniker, alles von Nagasaki gefordert und zusammengehalten. Alle drei sollten das Werk unbedingt in der übernächsten Saison vor großem Publikum in der MuK bringen.

In vier Gesängen von Gustav Mahler stellte Qiuyi Lu ihren bereits sicheren Mezzo vor. Tragfähig schon in „Erinnerung“, blühte sie in „Liebst du um Schönheit“ in der Höhe auf, zeigte in „Ich atme einen Lindenduft“ warme Mittellage und meisterte technisch „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Wenn ihr auch noch die Fülle fehlt und somit Mahler recht früh kommt, darf man von der Sängerin noch einiges erwarten. Nagasaki trug sie, die Philharmoniker unterlegten das geschmeidig und glänzten mit vielen exquisiten Solo-Leistungen, die gefordert werden auch im abschließenden Klarinettenkonzert (1928) von Carl Nielsen. Warum dieses Werk so selten erklingt, ließ der Solist Oleg Shebeta-Dragan vernehmen: In diesem Opus 57 für Streicher, vier Bläser und kleine Trommel überschlagen sich die Kapriolen. Wer hier nicht technisch perfekt ist, scheitert – nicht aber die, die hier auf dem Podium waren. Shebeta-Dragan zeigt die gerühmte Lübecker Klarinettenschule bei den vier Sätzen und einer Kadenz „mit allen Schikanen“, finger- und atemtechnisch souverän. Nagasaki hat ebenfalls beide Hände voll zu tun bei den Takt- und Tempowechseln, die Nielsen mit trockenem Humor serviert und auch jede und jeden auf dem Podium fordert. Fazit Walton und Nielsen, Lai und Shebeta-Dragan, Philharmoniker und Dirigent waren ein Erlebnis.

Das Publikum war von den Leistungen der Musiker begeistert.

Das Publikum war von den Leistungen der Musiker begeistert.


Text-Nummer: 166965   Autor: Güz.   vom 06.07.2024 um 15.04 Uhr

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