33. Kammermusikfest im Kolosseum
Lübeck - St. Jürgen: Archiv - 16.06.2025, 19.48 Uhr: Wie bereits in den Vorjahren und in Fortsetzung des alljährlichen Lübecker Festes für die Kammermusik, das einst von der Lübecker Hochschulprofessorin für Klavier Evelinde Trenckner und ihrem Ehemann Hermann Boie gegründet wurde, hat diese Veranstaltung im Lübecker Kolosseum ihr Publikum gefunden. Das nun schon 33. Kammermusikfest Lübeck vom 13. - 15. Juni 2025.
Eröffnet wurde das Konzert wie in den Vorjahren von Björn Engholm.
Inzwischen steht es unter der Ägide der Xaver-und-Philipp-Scharwenka-Gesellschaft und wird von verschiedenen Firmen und Institutionen der Stadt gefördert. Dabei steht auch die Förderung junger Musikstudenten an der Lübecker Musikhochschule auf dem Programm. Eröffnet wurde es wie in den Vorjahren von Björn Engholm. Durch die Konzerte führte humorvoll und sachverständig Jürgen Feldhoff, 1. Vorsitzender der Scharwenka-Gesellschaft.
Stimmungsvoll ausgeleuchtet und mit der unaufdringlichen Verstärkung der Wortbeiträge lief die Konzertreihe reibungslos ab. Der Eröffnungsabend am Freitag, 13. Juni 2025, um 19:30 Uhr, konnte nicht von mir besprochen werden, doch das Hören-Sagen berichtete von einem gelungenen Einstand mit einem vierhändigen Klavierabend des Klavierduos Oskar (Werke von X. Scharwenka, Tschaikowsky, Schubert, Brahms und Liszt) und dem Auftritt der Capella de la Torre mit Musik der Renaissance. Hierbei sollen Zuhörer und Zuhörerinnen besonders begeistert „mitgeswingt“ haben.
Der 2. Abend am Samstag, 14. Juni 2025, um 19:30 Uhr bot drei Auftritte – und damit ein wenig zu viel des Guten. Anfangs spielten mit Noa Weckner, Violine (Klasse Elisabeth Weber), Haylin Park, Viola (Klasse Lena Eckels) und Marcus Shai, Klavier (Klasse Konstanze Eickhorst) drei hoffnungsvolle Musiktalente der Musikhochschule, und zwar das Trio op. 121 von Philipp Scharwenka (1914/15). Die Komposition kann ihre quasi herbstlich gefärbte, düstere, verhaltene Brahms-Nähe nicht verleugnen, wenn sie auch thematisch ausgefranst wirkt. Hier ragte Haylin Park, Viola mit schönem Ton heraus. Es blieb aber die Frage offen, ob die Klavierbegleitung von Marcus Shai zwar korrekt, aber unbeteiligt wirken sollte.

Noah Schaul bei der „Dichterliebe“ von Schumann.
Im darauffolgenden 2. Teil des Programms kam es zu einer Begegnung mit der Sängerin Anna Haentjens, die Lieder und Chansons „rund um die Zensur der Künste“ in der Kaiserzeit (1888-1918) vortrug. Begleitet wurde sie von ihrem Klavierpartner Sven Selle, der auch das letzte Lied des Abends auf das Gedicht „Der Gefangene“ von Erich Mühsam komponiert hat.
Damit wurde ein aktuell anmutender Beitrag abgerundet, der die Frage nach der Angemessenheit innerhalb eines Kammermusik-Festes zweitrangig erscheinen ließ. Noch mehr verdüsterte sich der Abend mit dem 3. und letzten Teil, in dem Jan Baruschke, Violine und Berenice Mifsud, Klavier gemeinsam mit der Rezitatorin Rebecca Indermaur auftraten. Sie trug Lyrik- und Prosa-Texte von François Villon und Paul Éluard vor, in denen es um kritischen Geist, Mitgefühl und Freiheit geht und einem Appell zu rücksichts- und verantwortungsvollem politischem Handeln gleichkommt. Anfangs erklang das der Musique concrète Reverenz leistende Stück „Conduct“ von Michael Töpel (*1958), das ebenso wenig wie die folgende 2. Violinsonate op. 82 des türkischstämmigen Allround-Pianisten Fazil Say (*1970) reichliche Längen aufwies und die Zerstörung der Tier- und Umwelt thematisiert mit aufkeimender Hoffnung und Zuversicht im letzten Satz „Rite of Hope“.
Mit Engagement und Eindringlichkeit widmeten sich die Ausführenden Baruschke, Mifsud und Indermaur diesem kritischen Manifest gegen den aktuellen Zustand unserer Welt, das beträchtliche Längen aufwies. - Da wäre weniger mehr gewesen, und der abschließende Bach-Choral „Vor deinen Thron tret´ ich hiermit“ entließ die etwas ratlosenden Zuhörer.
Am 3. Tag des Kammermusikfestes am Sonntag, 15. Juni 2025, um 11:00 Uhr kam es bei freiem Eintritt für ein Kinder- und Familienkonzert zu einer Wiederbegegnung mit dem Blöckflötenensemble Flautando Köln. Wenn auch mehr Kinder und Jugendliche im Publikum zu wünschen gewesen wären, so nahmen doch die großen und kleinen Kinder mit ihren Angehörigen (bei freiem Eintritt!) lebendigen Anteil an der Geschichte von „Julius, dem Flötenspieler“ quer durch verschiedene Epochen (Spielmannsmusik des Mittelalters, Barockwerke aus der Familie Bach) und durch die Welt. Hier war das Konzept vom Vorjahr ausgebaut und perfektioniert worden, indem zur Mitwirkung / Beteiligung der Kinder durch Mitklatschen und Mitsingen aufgefordert worden war und sich die Gags überboten.
Beim letzten Konzert am Sonntagabend, 15. Juni 2025, um 19:30 Uhr bildeten der Tenor Noah Schaul und Nathan Bas, Klavier (beide gehören zum Ensemble des Theaters Lübeck) mit Robert Schumanns Liederzyklus „Dichterliebe“ op. 48 und drei Liedern von Clara Schumann einen der Höhepunkte des Festivals. Mit hell timbrierter Tenorstimme verdeutlichte Noah Schaul die romantische Schwärmerei und das jugendliche Sehnen, das der 30-jährige Schumann in diesen Heine-Vertonungen zu realisieren suchte. In erster Linie kommt es in diesen romantischen Liedern auf den Text und seine Verständlichkeit an. Und auch hier erwies sich der Sänger als mustergültig, ebenso wie die über jeden Zweifel erhabene Klavierbegleitung Nathan Bas´. Die Zuhörer waren hingerissen!
Beschlossen wurden der Abend und das Festival mit dem Auftritt des Klarinetten-Trios Clarinoir mit den Brüdern Ivo und Ilja Ruf und Nicolai Gast, die bereits Gast des Kammermusikfestes waren. Mit ihren Mozart- und Tango-Stücken, die sie mit jugendlicher Unerschrockenheit zuzupacken verstehen, und den Kompositionen von Ilja Ruf, der auch hervorragend Klavier spielt, kommt man aus dem Staunen ob solch überbordender Musikalität nicht heraus. Aber auch die melancholischen Seiten der Tango- oder Klezmer-Bearbeitungen regen zum Nachsinnen an.

Beschlossen wurde das Festival mit dem Auftritt des Klarinetten-Trios Clarinoir. Fotos: Detlev Scheerbarth
Text-Nummer: 173367 Autor: Dieter Kroll vom 16.06.2025 um 19.48 Uhr
