Feier des Musizierens: SHMF in der Lübecker MuK eröffnet
Lübeck: Archiv - 07.07.2025, 08.41 Uhr: Ein Festakt ohne Pathos, ein Konzertabend mit Tiefe: Ray Chen und Christoph Eschenbach eröffneten das 40. Schleswig-Holstein Musik Festival in Lübeck – mit Mendelssohn und Bruckner, aber vor allem mit einer Feier des Lebens und des Musizierens selbst.Ein warmer Sommerabend an der Trave, das Wasser glitzert, die Möwen fliegen tief – und im Inneren der Musik- und Kongresshalle, diesem eher nüchternen Bau, betreten die Musiker die Bühne für etwas, das mehr ist als nur ein weiterer Saisonauftakt. Wenn das Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) sein 40-jähriges Bestehen feiert, dann geschieht das nicht in Trompetenfanfaren und langen Reden, sondern – wie es sich gehört – in Musik. In Musik, die nicht sich selbst, sondern das Leben feiert. Und so war dieser Abend in Lübeck zugleich Rückblick, Ausblick – und ein Moment im Jetzt, in dem sich vieles bündelte, was dieses Festival über Jahrzehnte hinweg ausgezeichnet hat: Nähe, Konzentration, Menschlichkeit, Weltklasse ohne Allüren.
Dass das Publikum den Saal bis auf den letzten Platz füllte, war angesichts des Programms wenig überraschend. Auf dem Pult: das NDR-Elbphilharmonie-Orchester, jener klanglich flexible, farbenreiche Klangkörper, der wie kaum ein anderes Ensemble die kulturelle Identität Norddeutschlands mitträgt. Am Dirigentenpult: Christoph Eschenbach, Grandseigneur der Musikwelt, ein Künstler, der sich – längst über die Schwelle des 80. Lebensjahres hinaus – nie mit der Rolle eines Ehrendirigenten oder Ehrenprofessors begnügte, sondern mit wachsamem Geist und ungebrochener Energie im Zentrum des Geschehens steht.
Eschenbach wirkte an diesem Abend wie ein leiser Gastgeber, wie jemand, der nicht zelebrieren will, sondern Raum schaffen für Begegnung. Nach einem kurzen, angenehm unaufgeregten Grußwort des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther, der die verbindende Kraft der Musik und das besondere Miteinander der Freundschaft im Norden hervorhob, sowie einigen wohlgesetzten einführenden Worten von Intendant Christian Kuhnt, war klar: Hier wird nicht die Institution gefeiert – hier wird gespielt.
Ein junger Geiger mit etwas zu sagen
Dabei hätte sich der Abend auch ganz anders anhören können. Ursprünglich war Khatia Buniatishvili als Solistin vorgesehen, mit Beethovens 3. Klavierkonzert – ein Programmpunkt, der krankheitsbedingt nun dem Geiger Ray Chen und Mendelssohns E-Moll-Konzert weichen musste. Ein Wechsel, der sich als Glücksfall erwies. Denn was Chen – mit jugendlicher Entschlossenheit und der Souveränität eines bereits weit gereisten Virtuosen – auf der Bühne entfaltete, war nichts weniger als eine Neudeutung dieses vielfach gespielten Repertoirestückes.
Chen betrat die Bühne nicht als Heroe, sondern als Erzähler. Und wie seine Violine schon im ersten Satz zu sprechen begann – mit einem Ton, der zugleich klar und dicht war, einer Phrasierung, die bewusst über den klassischen Lyrismus hinausging –, da wurde spürbar: Hier wollte jemand nicht einfach gefallen. Hier wollte einer etwas erzählen. Nicht einfach dramatisch auftrumpfend, aber doch mit jener inneren Unbedingtheit, die große Musik braucht.
Dabei bestach Chen durch ein hohes Maß an gestalterischer Eigenständigkeit: Seine Tempi waren forsch, doch nie forciert, sondern sehr organisch-flexibel, seine Artikulation stets präzise, aber nicht manieriert. Das berühmte Eingangsthema sang mit Wärme, aber auch mit jener nervösen Energie, die Mendelssohns Musik aus dem Reich des bloß Idyllischen herausholt.
Im zweiten Satz zeigte Chen, dass Emotion in der Musik des 21. Jahrhunderts nicht zwingend mit fragiler Innerlichkeit einhergehen muss. Statt weicher Rückzüge: offenes Gefühl. Statt introspektiver Verklärung: eine Wärme, die sich nicht versteckt. Man konnte darin die Sehnsucht nach Aufrichtigkeit erkennen, wie sie junge Künstlerinnen und Künstler heute zunehmend formulieren – nicht als Pose, sondern als Haltung. Dass das Orchester ihn dabei einfühlsam begleitete, lag nicht zuletzt an Eschenbachs Fähigkeit, sich zurückzunehmen. Der Dirigent ließ seinen Solisten atmen, reagierte auf ihn, trug ihn – und griff dann im dritten Satz beherzt mit ein. Hier entfaltete sich eine energiegeladene Musizierlust, ein klangliches Hin und Her, das fast kammermusikalische Qualitäten hatte. Das Finale war von tänzerischer Verve, von fast übermütiger Virtuosität – und das Publikum dankte es mit Begeisterung.
Ray Chen bedankte sich mit einer Zugabe von Eugène Ysaÿe: Hochvirtuos, funkelnd, ein Glanzlicht, das dem Abend eine schillernde Note hinzufügte – aber ohne den Ernst des vorangegangenen Spiels zu überstrahlen.
Bruckner als Lebensrede
Nach der Pause dann ein Werk, das gemeinhin als Monument gilt – und doch in dieser Aufführung wie aus einem Guss, ja wie aus einem Atem heraus entstand: Anton Bruckners Siebte Symphonie in E-Dur. Es gehört zu den stillen Wundern dieses Abends, dass sich das Pathos, das man mit Bruckner so gerne assoziiert, hier fast vollständig verflüchtigte – ohne dass die Größe der Musik darunter gelitten hätte.
Eschenbach dirigierte nicht mit der Attitüde des Mahners, sondern mit der Gestik eines Erinnernden, eines „Lebensweisen“. Da war nichts aufgesetztes Feierliches, kein Versuch, aus der Musik ein Klangdenkmal zu meißeln. Vielmehr entfaltete sich die Sinfonie wie ein atmender Organismus. Schon im Kopfsatz ließ Eschenbach die Musik wachsen, sich entfalten, als fände sie sich selbst, als wäre sie ein eigener Kosmos. Die orchestrale Architektur wirkte natürlich, fast selbstverständlich – ein Staunen, das aus der Musik selbst kam, nicht aus ihrer Darstellung.
Das Adagio – von Bruckner einst als stiller Gruß an den sterbenden Wagner konzipiert – wurde zum spirituellen Zentrum des Abends. Und selten klang diese Musik so innig, so durchlässig, so wenig schwer. Die Wagner-Tuben, vielfach problematisch in der Intonation, waren hier wunderbar eingebunden, fast schwebend, ein fernes Leuchten in einem dunklen Raum. Man konnte hier nicht nur Musik hören – man konnte Geschichte spüren. Nicht als chronologische Abfolge, sondern als verdichteten Moment. Es war, als habe Eschenbach in diesem Adagio sein eigenes Musikerleben in Töne übersetzt. Keine Wehmut, kein Pathos – aber eine Würde, die aufhorchen ließ. Dieser Satz erzählte vom Leben, das den Tod als beiläufiges Kapitel in sich trägt. Nach diesem Adagio entstand im Saal jene seltene Form von Stille, die nicht durch Schock oder Unsicherheit entsteht, sondern durch tiefes Ergriffen-Sein. Es war, als hätten sich Musiker und Publikum auf einer unsichtbaren Linie berührt, als hätte die Musik einen Raum geöffnet, der sich nicht mehr schließen ließ.
Das folgende Scherzo zeigte dann, dass Bruckner auch anders kann. Rhythmisch, federnd, pointiert, mitreißend – der Satz geriet zu einem motorischen Spiel, das der Musik eine fast urbane Energie verlieh. Und wieder: Das Trio, leicht, fast zärtlich, wie überirdisch entrückt und mit sanfter Poesie als Gegenbild, als Erinnerung daran, dass Größe auch in der Stille wohnen kann.
Im Finale schließlich bündelte sich alles: das Maßvolle, das Wuchtige, das Leuchtende. Es war kein Höhepunkt im klassischen Sinne – sondern ein Ausklang, der die vorherigen Sätze nicht krönte, sondern umarmte. Die Streicher sangen, aber sie drängten sich nicht vor. Die Blechbläser schimmerten, aber sie dominierten nicht, sondern schufen eine Klangdimension, die den Begriff der Räumlichkeit überwand. Und Eschenbach stand da, ganz ruhig, ganz präsent – als Hüter eines Klanges, der größer war als er selbst. Das Publikum bedankte sich mit Standing Ovations für das Orchester, für den Dirigent, für einen Abend, der weit mehr war als ein Jubiläum.
Was bleibt? Vielleicht dies: Mit Chen und Eschenbach erlebte das Publikum ein „Treffen der Generationen“. Und zwar eines, das zeigt, dass Musik nicht nur Vergangenheit bewahrt, sondern Gegenwart schafft. Dass ein Festival, das seit 40 Jahren Kultur ermöglicht, nicht in Routine erstarrt ist, sondern weiter offen bleibt – für Wandel, für neue Stimmen, für große, stille, glühende Momente.
Und dass es, bei aller politischen und organisatorischen Bedeutung, am Ende doch das ist, worauf es ankommt: der Ton. Der Klang. Das, was bleibt, wenn alles gesagt ist. Das Leben.

Ray Chen und Christoph Eschenbach eröffneten das 40. Schleswig-Holstein Musik Festival. Foto: Agentur 54° John Garve
Text-Nummer: 173780 Autor: Ulrich Witt vom 07.07.2025 um 08.41 Uhr
