SHMF: Faszination Blechbläser
Lübeck - Schlutup: Archiv - 02.08.2025, 08.54 Uhr: In der voll besetzten St.-Andreas-Kirche Lübeck-Schlutup fand am 1. August im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals das Abschlusskonzert der Masterclass des Trompeters Matthias Höfs statt. Und es trug zurecht den Titel „Faszination Blechbläser“.Ein ausverkauftes Gotteshaus, konzentrierte Stille, gespannte Erwartung auf das, was kommt. Zu hören war dann in diesem Konzert ein Klang, der nicht einfach ertönt, sondern den Raum erfüllt, ihn durchpulst, ihn zum Mitschwingen bringt. Das Abschlusskonzert der Blechbläser-Masterclass von Matthias Höfs, das unter dem Titel „Faszination Blechbläser“ in der St. Andreas-Kirche im Lübecker Stadtteil Schlutup stattfand, war ein Ereignis, über das man zu Recht sagen kann, dass es weit über das Gewohnte hinausging. Es war ein Fest der Vielstimmigkeit, der klanglichen Möglichkeiten, der musikalischen Gemeinschaft – getragen von dreizehn jungen Musikerinnen und Musiker, die im Laufe einer Woche zu einem Ensemble von beachtlicher Reife zusammengewachsen waren.
Gerade diese Masterclasses sind es auch, die das Schleswig-Holstein Musik Festival zu etwas Besonderem machen. Sie ergänzen das hochkarätige Konzertprogramm um eine zweite, nicht minder bedeutsame Ebene: die der Begegnung, der Förderung, des gemeinsamen Lernens. Das Festival bringt nicht nur berühmte Künstlerpersönlichkeiten in den Norden, sondern schafft Räume, in denen sich auch musikalischer Nachwuchs entwickeln, ausprobieren und entfalten kann. In einer intensiven Probenwoche sind die dreizehn jungen Musikerinnen und Musiker – teils noch im Studium, teils am Beginn ihres Berufslebens – zu einer klanglichen Einheit zusammengewachsen, wie man sie bei solch temporären Formationen kaum vermuten mag. Es wurde miteinander musiziert – hörbar, spürbar, mit gegenseitigem Zuhören und feinem Gespür für Balance und Ensembleklang.
Diese musikalische Geschlossenheit ist nicht zuletzt das Verdienst von Matthias Höfs, der in seiner Probenarbeit großen Wert auf das Miteinander-Musizieren legt. Seine pädagogische Handschrift wurde an diesem Abend ebenso hörbar wie sichtbar, und dass sich das Konzert so eindrucksvoll realisierte, war auch seiner Persönlichkeit und Ausstrahlung auf die Musiker zu verdanken. Der langjährige Solotrompeter und Mitbegründer von German Brass gehört definitiv zu den stilbildenden Blechbläsern unserer Zeit – nicht nur durch seine Virtuosität und seine klangliche Wandlungsfähigkeit, sondern auch durch sein Wirken als pädagogische Autorität und Arrangeur. Als Moderator des Abends war er präsent, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Er führte mit Charme, Witz und spürbarer Begeisterung durch das Programm, ließ die jungen Musiker im wahrsten Sinne des Wortes strahlen und verstand es zugleich, dem Publikum das Besondere der Kompositionen und Instrumente nahezubringen.
Das Ensemble – bestehend aus Trompeten, Hörnern, Posaunen und Tuba – meisterte dabei ein Programm, das in seinem Anspruch keineswegs als akademische Fingerübung „en passant“ daher kam. Im Gegenteil: Viele der von Höfs selbst arrangierten Werke stellten höchste technische Anforderungen, forderten präzise Intonation, weite Lagen, differenzierte Dynamik – eine Herausforderung, die von den jungen Musiker:innen mit beachtlicher Souveränität und Reife bewältigt wurde. Gerade die Posaunen, denen das schnelle, virtuose Spiel aufgrund der Zugtechnik besonders viel abverlangt, zeigten sich dabei als ebenso verlässliche wie faszinierende Klangsäule im Ensemble.
Eröffnet wurde das Konzert mit der bekannten „Hornpipe“ aus Georg Friedrich Händels „Wassermusik“, einem virtuosen und leichtfüßigen Stück, das ursprünglich anlässlich einer Lustfahrt auf der Themse erklungen war. Schon in diesem Eröffnungswerk war hörbar, wie aufmerksam und geschmackvoll die jungen Musiker:innen phrasieren, wie fein abgestimmt sie aufeinander reagierten und wie lebendig sie die barocke Spielfreude und tänzerische Eleganz in Einklang brachten. Es folgten weitere Werke aus dem Barock und der Klassik, darunter Choräle von Johann Sebastian Bach oder Rossinis Ouvertüre zum „Babier von Sevilla“, fast ausnahmslos in eigens von Matthias Höfs erstellten Arrangements.
Überhaupt diese Arrangements: Entstanden natürlich aus praktischer Notwendigkeit (es gibt nur sehr wenig Originalliteratur für eine derart große Blechbläserbesetzung), erreichten sie selbst künstlerisch höchstes Niveau und wurden für sich allein schon zu einem Höhepunkt des Konzerts. Besonders hervor stach dabei „Das alte Schloss“ aus Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“. Hier entfaltete sich ein Klangpanorama von nahezu orchestraler Farbigkeit: Gedämpfte Trompeten und Posaunen erzeugten geisterhaft-verhangene Klangschleier, die sich mit den offen gespielten Passagen zu einer Atmosphäre von fast mystischer Dichte verbanden. Die Grenzen zwischen Klang und Raum, zwischen Farbe und Linie verschwammen – man hörte nicht nur Musik, man sah sie fast im inneren Auge. Dieses Arrangement steht in seinem klanglichen Farbreichtum der großen Orchesterfassung von Ravel in nichts nach und beweist einmal mehr, dass es nur richtig war, dieses Konzert mit „Faszination Blechbläser“ zu überschreiben, denn es sind eben auch diese klanglichen Möglichkeiten der Blechblasinstrumente, um die sie andere Instrumentenarten – zu Recht – beneiden.
Nicht minder eindrucksvoll waren Höfs’ Bearbeitungen zweier Choralvorspiele von Johann Sebastian Bach: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ und „Jesus bleibet meine Freude“. Dabei wurde der Kirchenraum selbst zum Teil der Komposition: Während Trompeten und Posaunen von der Empore erklangen, spielten Hörner und Tuba im Altarraum. Die Musik spannte sich damit nicht nur klanglich, sondern auch räumlich über das gesamte Kirchenschiff, wurde in ihrer Bewegung greifbar, ja beinahe körperlich. Das Publikum hörte nicht nur polyphone Strukturen, sondern erlebte sie als ein akustisches Wechselspiel von Nähe und Ferne, von Ruf und Antwort.
Die Begeisterung im Publikum war mit Händen zu greifen: trommelnder Applaus, spontane Bravo-Rufe, leuchtende Augen standen am Ende des Konzerts, das bewegte, nicht nur durch Virtuosität, sondern durch die Echtheit, mit der hier musiziert wurde. Als Zugabe bedankte sich das Ensemble mit einer innigen Fassung von Felix Mendelssohns „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ – ein feierlicher, beinahe zärtlicher Ausklang, der wie ein musikalischer Segen über dem Abend lag. Vielleicht ist es genau das, was ein Konzert wie dieses so besonders macht: Es war keine Schau, kein Spektakel, sondern ein gemeinsamer musikalischer Augenblick, gewachsen aus Tagen intensiver Probenarbeit, aus Neugier, Offenheit und dem Vertrauen in eine gemeinsame Klangidee. Dass junge Musiker diese Erfahrung machen dürfen – und das Publikum daran teilhaben kann –, ist ein großes Geschenk. Und ein schönes Beispiel dafür, wie lebendig, sinnlich und menschlich musikalische Bildung sein kann, wenn sie auf Qualität, Begegnung und Begeisterung setzt.

Das Konzert in St. Andreas war ausverkauft.
Text-Nummer: 174293 Autor: Ulrich Witt vom 02.08.2025 um 08.54 Uhr
