Fulminante Premiere: Unter Piraten-Flagge
Lübeck: Archiv - 04.08.2025, 11.47 Uhr: Was haben Vincenzo Bellinis Oper „Il pirata“ (1826/27), Verdis „Il corsaro“ (1848) oder Adolphe Adams Ballett „Le Corsaire” (1856) gemeinsam? Sie wurden noch nicht in Lübeck aufgeführt. Bislang! Doch jetzt kann man auch hier Ausschnitte aus diesen bewegenden Meisterwerken genießen! Michael P. Schulz macht das möglich mit seiner für die Lübecker Sommeroperette erdachten und inszenierten großen Musiktheater-Revue „Unter Piraten-Flagge“.Am 02. August 2025 erlebte sie ihre fulminante, gut besuchte Premiere im Schuppen 6. Nach der erfolgreichen Caterina-Valente-Show, der ersten Produktion der 31. Sommeroperetten-Spielzeit, widmet sich diese Revue dem turbulenten Treiben der Piraten und Korsaren. In chronologischer Folge verbinden sich Opern-, Ballett- und Musicalnummern sowie Schlager- und Filmmusik über diesen maritimen Stoff zu einem spannenden zweistündigen Abend.
Zur Klarstellung: Piraten sind Seeräuber, also Straftäter. Auch Korsaren beziehungsweise Freibeuter sind Seeräuber, jedoch rauben sie in offiziellem, staatlichem Auftrag, belegt durch einen Kaperbrief – nach dem Motto: „Wir dürfen das!“
Zur Einstimmung überraschten zwei aus einem fernen Off eingespielte Piratengedichte, die einem irgendwie bekannt vorkamen, da sie aus einer Neukombination bekannter Versatzstücke bestehen. Der Programmzettel verrät: Diese Verse wurden mit Hilfe von KI erstellt, wie auch einige der stimmungsvollen Projektionen der ansonsten leeren Bühne, die mit Aktion und Leben zu füllen den Ausführenden keinerlei Mühe bereitete! Ob KI und Piraterie möglicherweise mehr als ein holpriger Reim verbindet? Eine nicht nur urheberrechtlich interessante Frage.
Dann folgte große Oper, darunter die eingangs erwähnten Lübecker Erstaufführungen. Sie bewegten zugleich musikalisch wie auch interpretatorisch zutiefst! Hervorzuheben sind das sich grandios steigernde Verdi-Duett „No, tu non sai comprendere“. Angelina Billington überzeugte mit ihrem warm timbrierten und mit einem sympathischen Mezzo-Hauch angereicherten Sopran, ebenso Iago Ramos mit seinem hellen, intensiven Tenor. Richard Wagners „Fliegender Holländer“ ist ein ganz zentrales Werk dieses Themenfeldes! Der überragende Bass Valentin Anikin faszinierte in der Szene „Die Frist ist um“ durch seine beeindruckend sonore und edle Bass-Stimme, die er schließlich bis zum f1 führte und ihr in dieser eigentlich bassfernen Lage eine betörend schöne tenorale Nuance beimischte.
Drei flotte Ballettnummern aus Adams Ballett „Le Corsaire“ wurden mit der originalen Choreografie getanzt, für alle übrigen Tanznummern entwickelte Daniela Thiele eine ebenfalls sehr ansprechende tänzerische Ästhetik, die sie zusammen mit Sofia Engel, Dennis Dietrich, Stephen Dole und Stefan Schmitz realisierte, einem Quintett aus Musical-Spezialisten, von denen die beiden Tenöre Dole und Schmitz auch sängerisch hervortraten. Während in Adams Ballett das Orchester als Aufnahme zugespielt wurde, erklang bei allen live begleiteten Nummern Musik vom Klavier. Der virtuose und stilistisch äußerst wandlungsfähige Pianist Adrian Pavlov leitete die Produktion mit lebhafter Gestik und empathischer Agogik. Seine Wahl hat sich erneut als sehr glücklich erwiesen! Sonja Pitsker ist dem Sommeroperetten-Publikum seit vielen Jahren bekannt und auch dank ihrer enormen Wandelbarkeit immer wieder hochwillkommen! „Als Frederic noch ein Säugling war“ (aus: Gilbert und Sullivan, „Die Piraten von Penzance“, 1879) war wie geschaffen für ihre komödiantische Präsenz! Mit ihrem nuancenreichen, ausdrucksvollen Sopran beeindruckte sie. Wirkungsvoll ließ sie dank ihrer mustergültigen Textverständlichkeit die wunderbaren Pointen aufblitzen.
Nach der Pause erweiterte sich das Spektrum der Genres: Der Bilderbogen wurde durch projizierte Spielfilmausschnitte mit ihrer originalen Filmmusik erweitert. Hervorzuheben sind Erich W. Korngolds Filmsinfonien (so darf man sie wohl bezeichnen) zu monumentalen Streifen wie „Captain Blood“ (1935, deutscher Titel: „Unter Piratenflagge“) und „The Sea Hawk“ (1940, deutscher Titel: „Der Herr der sieben Meere“). Dramaturgisch beeindruckte der zur Projektion dargebotene Tanz, der das dramatische Filmgeschehen quasi „haptisch“ werden ließ. Musik zu „Peter Pan“ – kompositorisch jeweils zum „Dahinschmelzen“ und entsprechend dargeboten – schrieben Leonard Bernstein (1950) und auch Konstantin Wecker (2008). Zu den weiteren Höhepunkten zählten Ausschnitte aus dem in Lübeck entstandenen und mit dieser Stadt eng verbundenen Erfolgsmusical von Heiko Woltersdorf, „Die Marzipanpiraten“ (2016); zusammen mit der wunderbaren Schlussnummer „Auf dem Meer der Zeit“ aus Boubills & Schönbergs „The Pirat Queen“ (2007) bildeten sie das Finale einer inhaltlich durchwegs überzeugenden, kurzweiligen und künstlerisch hochkarätigen Revue: begeisterter Applaus mit Bravo-Rufen!
Hinzuweisen sei auf das vom Intendanten Michael P. Schulz verfasste lesenswerte Programmheft mit aufschlussreichen Berichten zum Beispiel über die Entstehung der zentralen Werke dieser Spielzeit und über das wechselvolle Leben ihrer Urheber; auch die Viten der Ausführenden werden darin mitgeteilt.
Unterstützt wird die Lübecker Sommeroperette dankenswerterweise durch Stiftungen und sonstige Förderungen. Ermöglicht wird sie jedoch durch die ehrenamtliche Arbeit vieler kulturbegeisterter Menschen, namentlich genannt seien außer dem Intendanten der Lübecker Sommeroperette, Michael P. Schulz, unter anderem Hiltrud Schulz (Produktionsassistenz), Renate Sieber (Inspizienz), Rainer Liedtke und Manfred Schulz (Bühnenfundus). – Chapeau.
„Unter Piraten-Flagge“: Folgeaufführungen im Schuppen 6 am 08.08. (19:30 Uhr), sowie 09.08. und 10.08.2025 (jeweils 14:30 Uhr).

Stephen Dole, Sonja Pitsker und Valentin Anikin in „Die Marzipanpiraten“. Foto: Uwe Bremse
Text-Nummer: 174310 Autor: Michael Töpel vom 04.08.2025 um 11.47 Uhr
