SHMF: Wenn ein Kuhstall zum Wohnzimmer wird

Kreis Segeberg: Archiv - 11.08.2025, 15.13 Uhr: Hört man den Begriff „Kammermusik“, denkt man oft nur an „Musik für wenige Spieler“. Doch damit verbindet sich auch ein Gefühl, das uns heute fremd wäre – gäbe es nicht Konzerte wie jenes vom 10. August auf Gut Pronstorf im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals unter dem Titel „Meisterschüler – Meister“.

Viele Menschen strömten am Sonntagabend zu diesem ungewöhnlichen, aber charmanten Ort, dem ehemaligen Kuh- und Schweinestall auf Gut Pronstorf, wie Hausherr Graf von Rantzau bei seiner Begrüßung augenzwinkernd in Erinnerung rief. Schon bevor der erste Ton erklang, lag eine besondere Erwartung in der Luft. Die alten Mauern, einst Zeugen ländlichen Alltags, boten nun einen warmen, akustisch überraschend feinen Resonanzraum für ein ausverkauftes Kammermusikkonzert, das in seiner Mischung aus meisterlicher Kunst, jugendlicher Frische und spürbarer Spielfreude zu einem der Glanzpunkte des Festivals geriet.

Dabei schien der Ort auf den ersten Blick so gar nicht passen zu wollen, denn Kammermusik meinte ursprünglich eine Musikform, die in kleineren Räumen zu hören war und die eben dadurch auch ihren Reiz ausmachte. Kammermusik ist nicht prunkvoll oder dramatisch, sondern geprägt von Feinheit im Zusammenspiel und künstlerischem Gedankenaustausch – „Kunst um der Kunst willen“. Die Musik dient nicht der „Zurschaustellung“, sondern der Geselligkeit untereinander, und hat oft den Charakter eines Dialogs zwischen gleichberechtigten Spielern, aus dem sich ein gemeinschaftliches, fast intimes Miteinander und eine besondere Art der Kommunikation untereinander ergeben: Jedes Instrument hat eine eigene Stimme, jeder hört auf jede Nuance des anderen – Atem, Bogenstrich, Artikulation. So entsteht eine Interaktion wie in einer lebendigen Unterhaltung. Und auch für das Publikum entsteht Nähe: In kleineren Räumen hört man nicht nur die Musik, sondern auch Atmen, Umblättern, leises Mitsummen. Es ist, als lausche man einem vertraulichen Gespräch – zugleich privat und universell.

Nun ist ein großer Kuhstall wie der auf Gut Pronstorf keine „Kammer“, aber das Publikum, das am 10. August dem „Meisterschüler – Meister“-Konzert lauschte, dürften dennoch dieses Gefühl der Intimität und Nähe der Musizierenden gespürt haben. Das begann schon damit, dass Alice Sara Ott, Pianistin des Abends und zugleich eine der beiden „Meister“ dieser Meisterklasse des SHMF, die Zuhörenden charmant in den Abend hineinmoderierte und in ihr „Wohnzimmer“ einlud. Vor allem aber befreite sie das Publikum von der Notwendigkeit und Erwartung, nach jedem Musikstück klatschen zu müssen, sondern empfahl, frei der Musik zu lauschen und sich der Stimmung hinzugeben. Allein das nahm dem Abend schon viel von einer klassischen Konzertatmosphäre, bei der sich Publikum und Aufführende fast belauernd gegenübersitzen, auch wenn der Aufbau vor Ort mit „Bühne hier, Publikum dort“ dem entsprach.

Prägend für den Abend aber war eben das Spielen der Musikerinnen und Musiker miteinander, wobei das Wort „spielen“ hier durchaus auch wörtlich gesehen werden darf. Zwei Tage hatten sich Ott und ihr „Mitmeister“ Thomas Reif (1. Konzertmeister im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks) zusammen mit vier Meisterschülern zur Vorbereitung genommen. Aber die Zeit reichte aus, um aus sechs Musizierenden einen Kreis von Freunden werden zu lassen, der nicht nur gemeinsam musiziert, sondern miteinander atmet, sich einander vertraut und so zu gemeinsamen Gesprächen in Tönen kommt.

Schon nach wenigen Takten wurde deutlich, dass hier nicht einfach mehrere Einzelkönner nebeneinander saßen, sondern ein Atem, ein Puls alle verband. Die Einsätze wirkten, als kämen sie aus einem gemeinsamen Herzen, die Phrasierungen wie selbstverständlich abgestimmt. Bemerkenswert war, dass zwischen Alice Sara Ott und Thomas Reif – beides international erfolgreiche, arrivierte Musikerpersönlichkeiten – und den vier Meisterschülern, die sich noch im Studium befinden und bisher erst die ersten, wenn auch beachtlichen, Schritte in die professionelle Musikwelt getan haben, keinerlei Gefälle spürbar war. Im Zusammenspiel herrschte völlige Augenhöhe: ein Geben und Nehmen, bei dem jeder Part gleichermaßen Bedeutung hatte. Ein Blick, ein Lächeln, eine kaum merkliche Bewegung reichten, um den nächsten musikalischen Impuls zu geben. Diese stille Einvernehmlichkeit schuf eine Atmosphäre, in der technische Brillanz nie Selbstzweck war, sondern sich ganz in den gemeinsamen Ausdruck fügte.

Auch wenn Reif und Ott die Gelegenheit hatten, ihre technische Brillanz zu präsentieren, nahmen sie sich immer wieder zurück und ließen Raum für die jungen Musiker, die so zeigen konnten, wie viel sie zu erzählen haben, wie zum Beispiel in einem Duett für Cello und Kontrabass, delikat-beweglich gespielt und zugleich geradezu zärtlich vorgetragen von Cosima Regina Federle und Milan Boxberg. Oder die Bearbeitung von Haydns Lied „Der erste Kuss“, eigentlich für Gesang, Violine und Klavier, wobei hier jedoch Fridolin Schöbi an der Bratsche den Gesangspart übernahm. Es hatte etwas Beglückendes, seinem sanglichen, warmen Ton zu lauschen, während seine Melodien von Maya Kasprzak auf der Violine elegant umspielt wurden.

Überhaupt nahm Joseph Haydn eine interessante Rolle in diesem Konzert ein, nicht nur in Form seiner Werke, sondern auch als „Papa Haydn“. Gemeint ist damit nicht das verzopfte Bild eines altmodischen, gutmütigen alten Herrn, sondern das eines zugewandten Vaters und Mentors, der er für seine Schüler und die Musiker seines Orchesters war. Diese Idee war spiegelbildlich bei den Musizierenden des Abends zu sehen, fand sich mit der Überschrift „Meisterschüler – Meister“ auf dem Deckblatt des Programmheftes wieder und war sogar in der Stückauswahl zu erkennen, die neben Werken von Haydn und Carl Philipp Emanuel Bach auch solche von Haydns Schülern – und Freunden – Mozart und Ignaz Pleyel präsentierte, letzterer ein leider sehr in Vergessenheit geratener Komponist der Wiener Klassik.

Und so, wie sich die Kompositionen eng aneinandergefügt zu einem Strauß heiterer wie nachdenklicher Stücke zusammenbinden ließen, verband dieser Abend alle Anwesenden zu einem gemeinsamen Kreis Auserwählter, gemeinsam lauschend, gemeinsam musizierend. Alice Sara Ott hatte nicht übertrieben mit der Einladung in ein Wohnzimmer. Dieser Abend, der mit lang anhaltendem, rhythmischem Applaus und einer frischen Zugabe endete, war im besten Sinne des Wortes ein Loblied auf die Kammermusik, und es bleibt zu hoffen, dass manch Anwesender im Publikum häufiger die Gelegenheit zu solch „intimen Gesprächen in Tönen“ erhalten mag.

Am Sonntag war das SHMF auf dem Gut Pronstorf zu Gast. Foto: Olaf Malzahn

Am Sonntag war das SHMF auf dem Gut Pronstorf zu Gast. Foto: Olaf Malzahn


Text-Nummer: 174434   Autor: Ulrich Witt   vom 11.08.2025 um 15.13 Uhr

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