Ein großer Wurf: Das weiße Rössl an der Trave
Lübeck - Innenstadt: Archiv - 17.08.2025, 10.09 Uhr: Seit Samstag und noch während der nächsten Woche liegt das Salzkammergut an der Trave im Schuppen 6. Und da kann man wirklich gut lustig sein, denn dem Intendanten der Lübecker Sommeroperette, Michael P. Schulz ist mit der Inszenierung des Singspiels „Im weißen Rössl“ ein großer Wurf gelungen.Die Ouvertüre kam noch in der Orchesterfassung aus dem Off, danach lag die musikalische Leitung bei Markus Bruker, der das Sängerensemble am Klavier begleitete. Das weiße Rössl ist das bekannteste Werk des mährisch-österreichischen Komponisten Ralph Benatzky, der später lange in Berlin lebte, und kann auch als Revueoperette bezeichnet werden. Es gibt keine langen Arien, sondern viele eingängige Schlager in flotten, häufig synkopierten Tanzrhythmen unterschiedlicher Musikstile. Da gibt es Wienerlied, ein wenig Jazz, ein wenig Sinfonik, ein wenig Marschmusik, Walzer, es swingt Foxtrott. Im Hotelgasthof „Weißes Rössl“ am Wolfgangsee im Herzen des Salzkammerguts ist touristische Hochsaison. Hier entspinnen sich in der gewitzten Handlung Intrigen und Liebeswirren. Bei Benatzky lag zwar die künstlerische Hauptverantwortung der Uraufführung 1930 in Berlin, doch einige der Hits, die später auch eigenständig erfolgreich waren, stammen von anderen Komponisten wie zum Beispiel „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist“, „Zuschau‘n kann i net“ oder „Die ganze Welt ist himmelblau“. Das hatte der Produzent und Regisseur Erik Charell zum Leidwesen Benatzkys durchgesetzt.
Die Aufführung im Schuppen 6 zeichnet sich durch flinkes Tempo aus, die Choreografie von Daniela Thiele ist stilsicher und raffiniert. Mit ihr tanzt noch der Diplombühnentänzer Dennis Dietrich, aber viele Sänger, besonders wenn sie im Musicalbereich ausgebildet sind, können auch tänzerisch einiges beitragen, sodass auch größere Formationen möglich sind. Im Hintergrund werden kleine Filme und Fotos eingeblendet: Man sieht den Wolfgangsee, Landschaften des Salzkammerguts mit Almen, Bergen, man sieht das Hotel, man hört Kuhglocken.
Die sängerische Leistung ist durchweg ganz erstaunlich, ebenso die Textverständlichkeit sowie die schauspielerischen Fähigkeiten aller elf Darsteller. Der in Wien ausgebildeten Viktoria Car gelingt natürlich der österreichische Zungenschlag besonders gut, ihre Sopranstimme ist warm und voll, und charmant gibt sie die Wandlung von der dominanten, abweisenden Wirtin Josepha zur weichen, liebevollen Verlobten. Auch Konrad Furian muss mehrere Seiten des Zahlkellners Leopold zeigen: erst schmachtend, hoffnungslos verliebt, dann frech und aufmüpfig, schließlich tief verletzt und traurig und am Ende nur noch überschwänglich glücklich mit Josepha. Seine Tenorstimme ist hell, klar und strahlend. Stephen Dole, gebürtig aus Wales, tritt sowohl als Tänzer als auch als Sänger auf. Hier stellt er den „Piccolo“ dar, den Kellnerlehrling, der dem Leopold an die Seite gestellt ist. Er muss viele Ohrfeigen erdulden, singt sicher und spielt die Rolle mit großem komischen Talent. Ulrich Grawunder berlinert sich zur besonderen Freude des Publikums stimmgewaltig durch seine spaßige Rolle als cholerischer Trikotagen-Fabrikant Giesecke, der fast bis zum Schluss mit dem Salzkammergut fremdelt. Er hat überwiegend Sprechtexte, die wenigen Gesangseinlagen sind herrlich und vergnüglich rau. Die Sopranistin Elisabeth Schmeißer als seine Tochter Ottilie erreicht kraftvoll, aber mühelos höchste Höhen. Überzeugend entwickelt sie mit Stefan Schmitz als Dr. Otto Siedler verliebte Szenen. Stefan Schmitz, ebenfalls Tenor, hat viel Erfahrung mit Operetten und Musicals, als Sänger und Tänzer, er meistert seine Rolle souverän. Der aus Russland stammende Valentin Anikin ist als Prof. Dr. Hinzelmann zu sehen und zu hören, mit gut fundiertem Bass gestaltet er diesen reiselustigen, sparsamen und etwas schrulligen Charakter. Klärchen, des Professors lispelnde Tochter, gibt ganz entzückend Anna Friederike Wolf. Sie verfügt über einen agilen, hellen und frischen Spielsopran, mit dem sie die Komik ihrer Rolle perfekt zum Ausdruck bringt. Klärchen bildet mit dem „schönen Sigismund“ das dritte Paar, das am Ende glücklich vereint ist. Aus Amerika stammt Benjamin Savoie und ist Sigismund Sülzheimer, der Sohn des verhassten Konkurrenten vom Berliner Giesecke, er steht an Spielfreude seiner Partnerin in nichts nach, seine volle, runde Tenorstimme ist ein Genuss. Sonja Pitsker ist schon seit 19 Jahren festes Ensemblemitglied der Lübecker Sommeroperette. Mit ihrer feinen, gut geführten Sopranstimme verkörpert sie als Kathi verschiedene Gestalten der heimatlichen Gesellschaft in St. Wolfgang.
Auch Kaiser Franz Josef kommt vor und gibt der zwischendurch emotional verwirrten Josepha wertvolle Lebensratschläge. Das Stammpublikum der Lübecker Sommeroperette freut sich: Diese Rolle übernimmt der Chef selbst. Michael P. Schulz singt und spielt in bewährter Manier den alten Monarchen und zitiert diesen dabei öfter mal mit authentischen Aussprüchen: „Es war sehr schön, es hat uns sehr gefreut“.
Die weiteren Aufführungen im Schuppen 6: Sonntag, 17.8., um 14.30 Uhr, am 21.8. um 18 Uhr, am 22.8. um 19 Uhr, am 23.8. und 24. 8. jeweils um 14.30 Uhr.
Das Stück wird noch bis zum 24. August im Schuppen 6 gezeigt. Foto: Uwe Bremse
Text-Nummer: 174520 Autor: Svea Regine Feldhoff vom 17.08.2025 um 10.09 Uhr
