Triumphales Finale des SHMF

Lübeck: Archiv - 31.08.2025, 08.51 Uhr: Mit Verdis Messa da Requiem endete das Schleswig-Holstein Musik Festival 2025. Vierzig Jahre nach seiner Festivalpremiere erklang das Werk im Abschlusskonzert am 30. August in Lübeck erneut – monumental, ergreifend und getragen von überragenden Solisten, Chören und Orchester.

Mit Verdis „Messa da Requiem“, das wie kaum ein anderes zwischen liturgischer Strenge und theatralischer Dramatik oszilliert, verabschiedete sich das Schleswig-Holstein Musik Festival von seinem 40. Sommer. Schon 1986, beim allerersten Festival, endete die Saison mit diesem Werk damals im Lübecker Dom. Vier Jahrzehnte später wurde nun in der Musik- und Kongresshalle musiziert, was nur folgerichtig erscheint: Verdi schrieb sein Requiem nicht für den liturgischen Gebrauch, sondern konzipierte es für konzertante Aufführungen, die somit in den großen Sälen ihre eigentliche Bestimmung finden. Und damit spannte sich auch ein Bogen über die Festivalgeschichte, der das Jubiläum mit einem Werk krönte, das Tod, Transzendenz und Trost gleichermaßen in überwältigender Klangrede zur Sprache bringt.

Schon in den ersten Takten war im voll besetzten Konzertsaal der Musik- und Kongresshalle spürbar, wie sehr die Aufführung die Dimensionen des Werks ernst nahm. Das eröffnende „Requiem aeternam“ erklang mit feiner Zurückhaltung, fast wie ein vorsichtiges Tasten im Dunkel. Die Stimmen des Chores traten behutsam hervor, die Linien des Orchesters waren in gedämpfte Farben getaucht. Ein Moment von kontemplativer Innigkeit, der den Hörer ins Werk hineinführte, ohne Pathos, vielmehr mit stiller Andacht. Gerade diese introvertierte Grundierung ließ das unmittelbar darauf einsetzende „Dies irae“ umso heftiger hervorbrechen – ein Gewitter von Klang, das in seiner theatralischen Schlagkraft den Atem raubte. Hier offenbarte sich Verdi als der große Musikdramatiker, der er war: Jede Geste zielt ins Herz, jeder Schlag der großen Trommel erinnert an die Unausweichlichkeit des Todes.

Stanislav Kochanovsky, seit der Spielzeit 2024/25 neuer Chefdirigent der NDR Radiophilharmonie, führte seinen Klangkörper mit sicherer Hand durch diese Extreme. Er setzte auf dynamische Kontraste, hielt die große Form in Spannung und balancierte die vokalen und instrumentalen Kräfte mit einer Eleganz, die selbst in den heftigsten Ausbrüchen Transparenz wahrte. Bemerkenswert hier auch seine bewegliche Tempogestaltung, durch die das Requiem atmend, agil, fast lebend wurde. Zugleich fächerte er die Dynamik bis an die Grenzen des Hörbaren auf, vom machtvollen Tutti bis hinunter zu einem kaum mehr wahrnehmbaren Pianissimo. So entstand eine geradezu symbiotische Ausgewogenheit zwischen Chören und Orchester, die das Werk in seiner ganzen Spannweite erfahrbar machte. Die Musizierenden folgten seinen Bewegungen, und die Musik atmete Opernbühne, ohne ihre sakrale Aura zu verlieren. Gerade im lyrisch-dringlichen „Ingemisco“ war dieses ineinanderverwebte Zusammenspiel zu spüren. Hier durfte auch Tenor Davide Giusti glänzen, dessen eher zurückgenommene Art im Gesamtbild wohltuend lyrische Züge gewann. Sein heller, schlanker Ton brachte diesem Gebet eine Sanftheit, die zu Herzen ging.

Der Schleswig-Holstein Festivalchor, bestehend aus ambitionierten Sängerinnen und Sängern mit geschulten Stimmen, beeindruckte dabei ebenso wie der Schweizer Jugendchor. Unter der sorgfältigen Einstudierung von Nicolas Fink vereinten sich beide Ensembles zu einem Klangkörper von bemerkenswerter Ausdruckskraft: präzise in der Artikulation, kraftvoll in den Steigerungen und zugleich innig in den stilleren Passagen. Bemerkenswert war die durchgängige Textverständlichkeit, sowohl bei den Solist:innen als auch im Chor. Selbst in technisch schwersten Passagen, wie der komplexen achtstimmigen Fuge des „Sanctus“, blieb die Sprache klar vernehmbar – ein Beweis für die Disziplin und Hingabe aller Beteiligten.

Das Solistenquartett prägte den Abend auf jeweils eigene Weise. Alice Coote erwies sich einmal mehr als herausragende Interpretin: Ihre Textgestaltung war von selten erlebter Eindringlichkeit. Jedes Wort hatte Gewicht, jede Phrase eine innere Dramaturgie. Mal schimmerte ein dunkler Glanz in ihrem Timbre, mal ein fast sprechender Ausdruck, der den existenziellen Ernst des Textes unmittelbar spürbar machte. Vittoria Yeo fügte sich mit strahlender Höhe und beweglicher Phrasierung ein, während Dmitry Belosselskiy mit balsamischem Bass eine klangliche Tiefe entfaltete, die dem Werk Erdung und Gravität verlieh. Giusti mochte im Vergleich vielleicht nicht dieselbe Wucht entwickeln, doch seine lyrischen Linien und die Stärke seiner warmen Phrasierungen waren überaus bereichernd, und im Zusammenspiel mit den anderen Solist:innen ergab sich dadurch ein stimmiges Gleichgewicht. So entstand ein Quartett, das weniger auf Konkurrenz denn auf Ergänzung setzte – ein seltenes Glück, wenn vier Stimmen wirklich miteinander und nicht gegeneinander musizieren.

Das Orchester selbst leistete vom ersten Ton an Großes. Das tiefe Blech war wuchtig, aber niemals grob, stets mit kultiviertem Ton geführt. Im „Tuba mirum“ dann erklangen die Trompetenfanfaren nicht nur von der Bühne, sondern teilweise auch als Ferntrompeten von den Rängen. Gerade die räumliche Distanz macht dieses Experiment heikel, doch die Präzision und klangliche Wucht, mit der sich die Signale durch den Saal entfalteten, waren schlicht perfekt. Bemerkenswert auch die Streicher: Ihr klarer, durchsichtiger Klang verlieh dem Requiem eine Helligkeit und Leuchtkraft, die die düstere Grundstimmung nie ins Monochrome abgleiten ließ. Die Musik gewann an Luftigkeit und Strahlkraft, gerade in jenen Passagen, in denen Verdi die Hoffnung gegen die Finsternis setzt. Und auch die Holzbläser trugen Wesentliches zum Charakter des Abends bei: Mit warmem, kantablem Ton und feinen Farbpaletten schufen sie immer wieder kammermusikalische Momente der Innigkeit. Sie gaben dem Klangbild immer wieder feine Pastellfarben, die wie kleine Lichtblicke wirkten, etwa wenn die Flötenlinien wie ein tröstender Nachhall den Sopran begleiteten, und so den monumentalen Ausbrüchen wohltuend gegenüberstanden.

Ein kurzer medizinischer Zwischenfall kurz vor dem „Sanctus“ führte zu einer etwa 15-minütigen Unterbrechung. Publikum wie Aufführende blieben davon sichtlich bewegt – doch nach der Rückkehr in den Saal gelang die Rückkehr zur Musik nahtlos, und gerade diese Zäsur verlieh dem weiteren Verlauf eine zusätzliche Intensität. Es war, als hätte sich die Realität für einen Moment in das Werk eingeschrieben: Leben und Kunst berührten sich auf erschreckend direkte Weise.

So entfaltete das Werk seine ganze Spannbreite: schroffe Gewaltausbrüche, inniges Bitten, sphärische Verklärung. Die letzte Bitte um ewigen Frieden verklang nicht im Ungewissen, sondern wie eine Antwort auf die ungebrochene Kraft der Musik selbst. Als der letzte Ton verhallte, herrschte für lange Sekunden absolute Stille, bevor sich der Saal in begeistertem und stehendem Applaus entlud. Viele im Publikum schienen noch ergriffen von dem, was sie gehört und erlebt hatten – nicht nur ein Konzert, sondern ein Ereignis, das sich ins kollektive Gedächtnis einschreibt.

Vierzig Jahre nach seiner Festivalpremiere erwies sich Verdis Requiem erneut als ideales Schlusssteinwerk: monumental, menschlich, erschütternd. Ein Konzert, das nicht nur Vergangenheit beschwor, sondern auch den Anspruch des Schleswig-Holstein Musik Festivals auf höchste künstlerische Präsenz in der Gegenwart eindrucksvoll bekräftigte. Und so schloss sich mit diesem Abschlusskonzert ein Kreis – von der Kathedrale zum Konzertsaal, von der Liturgie zum Drama, von der ersten Festivalgeneration zur heutigen.

Das Konzert wird am Sonntagabend wiederholt. Es wird ab 20.03 Uhr live von NDR Kultur im ARD-Radiofestival übertragen und ist anschließend in der Mediathek von NDR Kultur verfügbar.

Das Abschlusskonzert des SHMF in der Lübecker MuK war ein Ereignis. Foto: Agentur 54° Felix König

Das Abschlusskonzert des SHMF in der Lübecker MuK war ein Ereignis. Foto: Agentur 54° Felix König


Text-Nummer: 174730   Autor: Ulrich Witt   vom 31.08.2025 um 08.51 Uhr

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