Gutachten: Hätte ein Abflussrohr Haus Seeblick retten können?

Lübeck - Travemünde: Archiv - 04.09.2025, 15.01 Uhr: Haus „Seeblick“ trägt seinen Namen tragischerweise zu Recht: Es steht so dicht am Brodtener Steilufer, dass man nicht mal mehr den Spazierweg vor dem Gebäude nutzen kann. Mehr Seeblick geht nicht. Allerdings fehlt auch nicht mehr viel, dass das Gebäude abstürzt. Bisher hieß es immer, dass dagegen nichts zu machen sei. Ein Gutachten aus dem Jahre 2010 legt allerdings nahe, dass das durchaus möglich gewesen wäre.

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Seit zwei Wochen ist bekannt, dass „Haus Seeblick“ nicht nur zahllosen Spaziergängern am Herzen liegt, sondern jetzt auch unter Denkmalschutz steht (wir berichteten am 19. August 2025). Seitdem wird in den sozialen Medien auch wieder darüber diskutiert, ob man es retten kann. Bisher war man landläufig davon ausgegangen, dass es an der Küste eben Stürme gibt und sich die Wellen dann ein Stück vom Steilufer holen. In einem Standsicherheitsgutachten aus dem Jahre 2010, das der damalige Eigentümer, die städtische Gesellschaft „Trave“, in Auftrag gegeben hatte, steht allerdings wörtlich: „Diese Abbrüche korrelieren nicht mit größeren Sturmhochwässern“. Ebenso wenig seien Zusammenhänge mit Frostereignissen erkennbar.

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Regenwasser ist Abbruch-Ursache
Vielmehr ist von Oberflächenwasser nach kräftigen Niederschlägen die Rede, das in eine Mulde läuft. „Dort zeigen sich bereits massive Erosionserscheinungen am vorhandenen Wanderweg“, heißt es in dem Gutachten. Dieser Umstand wird als eine der wesentlichen Ursachen für die Standsicherheitsgefährdungen und den fortschreitenden Uferabbruch genannt. Wörtlich schreibt das Ingenieurbüro: „Wesentliche Ursachen für lokale Standsicherheitsgefährdungen und den fortschreitenden Uferabbruch sind die Erosion durch Oberflächenwasser in der östlich des Grundstücks benachbarten Senke und der örtlich infolge seiner Kornzusammensetzung verminderte Erosionswiderstand des Geschiebemergels gegenüber Witterungseinflüssen.“

Konkrete Empfehlung: Oberflächenwasser ableiten
Das Lübecker Ingenieurbüro empfahl ganz konkret in seinem Gutachten eine Methode, das Oberflächenwasser schadlos abzuleiten: Mit einem „Sammel- und Absturzschacht mit Ableitung des Wassers zum Strand hin“. Oder durch eine „befestigte Kaskade auf der Steiluferböschung (Natursteinbewurf, gegebenenfalls mit Mörtel verklammert)“.

Trave fällte nur Bäume
Nach einer Auskunft des damaligen Eigentümers, der städtischen Grundstücksgesellschaft „Trave“ aus dem Jahre 2012, wurden im Uferbereich Bäume gekappt, um die Windlast (Hebelwirkung) zu reduzieren. Bei Erhalt des Wurzelwerkes, um den Boden zu binden, so die Trave damals. Der damalige Geschäftsführer Hartmut Sörensen verwies auch auf eine Standsicherheitsstudie, die eingeholt worden sei. Zur Frage nach Maßnahmen für die Standsicherung erklärte der Geschäftsführer damals: „Es liegt nicht in der Kompetenz und Verantwortung der Trave, das Brodtener Ufer vor Abbrüchen zu schützen“. Das sei Landschaftsschutzgebiet.

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Städtische Gesellschaft verkaufte ohne Ausschreibung
Der Verkauf des historischen Gebäudes an die Jugendorganisation „Die Falken“ zog im Jahre 2012 kritische Nachfragen aus der Politik nach sich. Immerhin gehörte das Gebäude bis dahin einer städtischen Gesellschaft, der „Trave“. Dabei kam heraus, dass das Gebäude ohne Ausschreibung verkauft worden war. Der damalige Trave-Geschäftsführer Hartmut Sörensen begründete das damit, dass doch über Zeitungsberichte mehrfach über den Verkauf informiert worden sei.

Gutachterausschuss bei Preisfindung nicht gefragt
Die Frage, ob der Gutachterausschuss der Stadt bei der Festsetzung des Preises involviert gewesen sei, beantwortete der Geschäftsführer knapp mit „Nein“. Immerhin gehört zum Gebäude noch ein damals 4.564 Quadratmeter großes Grundstück, das sich aus Gebäude- und Freifläche für öffentliche Zwecke (2.078 Quadratmeter), Weg (67 Quadratmeter), Ackerland (2.021 Quadratmeter) und Umland (398 Quadratmeter) zusammensetzt.

Offenbar gab es mehrere Interessenten
Für das Haus „Seeblick“ waren damals die Falken offenbar nicht die einzigen Interessenten. Die Frage, mit wem noch Verhandlungen und Gespräche über einen möglichen Verkauf geführt worden sind, wollte die Geschäftsführung der Trave allerdings nicht beantworten, „da es sich um schutzwürdige Interessen Dritter handelt“, wie es in einer schriftlichen Auskunft der Gesellschaft heißt. Die Frage, wie und wann denn der Aufsichtsrat über den Verkauf informiert wurde, beantwortete Geschäftsführer Sörensen damals ausweichend: „Die Beteiligung des Aufsichtsrates regelt der Gesellschaftsvertrag. Die Vorgaben wurden beachtet.“

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Haus sucht Käufer
Haus „Seeblick“ wurde im Jahre 2011 von der Jugendorganisation „Die Falken“ übernommen, die es der „Trave“ abkaufte. Die Falken gelten als SPD-nah, sind aber organisatorisch unabhängig. Als das Gebäude nicht mehr sicher nutzbar war, verkauften sie es weiter, anstatt es abzureißen. Und der neue Eigentümer versuchte wenige Monate später und laut Kleinanzeigenportal bis heute, es weiterzuverkaufen. Die Folge ist, dass zahlreiche Wanderer am Brodtener Steilufer einen großen Umweg um das Haus machen müssen, da der Weg vor dem Gebäude nicht mehr sicher passierbar ist.

Eine Aufnahme aus dem Jahre 2011 zeigt, wie weit damals die Abbrüche fortgeschritten waren. Ein Gutachten empfahl als Gegenmaßnahme, das Oberflächenwasser zum Strand hin abzuleiten. Fotos: Karl Erhard Vögele

Eine Aufnahme aus dem Jahre 2011 zeigt, wie weit damals die Abbrüche fortgeschritten waren. Ein Gutachten empfahl als Gegenmaßnahme, das Oberflächenwasser zum Strand hin abzuleiten. Fotos: Karl Erhard Vögele


Text-Nummer: 174805   Autor: Helge Normann   vom 04.09.2025 um 15.01 Uhr

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