Viel Applaus beim Saisonauftakt des Philharmonischen Orchesters
Lübeck - Innenstadt: Archiv - 14.09.2025, 16.46 Uhr: Am Sonntagvormittag eröffnete das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck unter seinem Chefdirigenten Stefan Vladar in der Musik- und Kongresshalle die neue Saison – mit einem klug gewählten Programm.Auf dem Programm des Saisonauftakts stand Ludwig van Beethovens Violinkonzert D-Dur op. 61 mit Frank Peter Zimmermann als Solist sowie Witold Lutosławskis Konzert für Orchester. Diese beiden Werke zu kombinieren, kann man konzertdramaturgisch als gelungen bezeichnen, denn es stellte den Solisten wie das Orchester gleichermaßen in den Mittelpunkt. Dabei ist Beethovens Violinkonzert für sich allein schon in vielfacher Hinsicht außergewöhnlich und einzigartig, und gerade in einem Konzert, das in gewisser Weise den Ton einer ganzen Saison vorgibt, ist es nicht leicht, ihm ein gleichgewichtiges Werk zur Seite zu stellen. Der Griff zum sehr groß besetzten Konzert von Lutosławski war daher sehr klug, denn es ermöglichte dem Philharmonischen Orchester, sich auch selbst in seiner vollen Größe und seinem ganzen Leistungsvermögen zu zeigen. Zunächst erklang jedoch das Violinkonzert.
Einzigartig an diesem Geniestreich von Beethoven ist auch, dass es mit fünf solistischen Paukenschlägen beginnt. Und wer als Zuhörer im gut besuchten, aber nicht ausverkauften Großen Saal der Musik- und Kongresshalle besonders aufmerksam hinsah, konnte bereits in den ersten Takten des Beethoven-Konzerts ein unerwartetes Zeichen wahrnehmen: Der Paukist schlug dieses Auftaktmotiv nicht mit Schlägeln, sondern mit den Fingern an – ein schlanker, fast sogar etwas fragiler, zugleich aber auch fordernder Ton, der nicht nur den Charakter des Werkes unmittelbar umriss. Es mag aber vielleicht auch eine Entscheidung gewesen sein, mit der Chefdirigent Stefan Vladar einen ersten Ton für diese Saison setzen wollte – klar, kompromisslos, mit Sinn für Dringlichkeit, passend zur aktuellen Zeit. Dass er gleichzeitig für das Orchester eine klassische Wiener Aufstellung mit verteilten Violinen wählte und auf Naturtrompeten zurückgriff, die den Klang herber und transparenter machten, stand dazu nicht im Widerspruch, sondern ist eher ein Symbol für die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Zukunft.
Was im weiteren Verlauf auch sehr schnell deutlich wurde, ist die Tatsache, wie sehr Vladar und Zimmermann den sinfonischen Charakter des Violinkonzertes betonten. Anders als in den damals üblichen Konzerten, wo das Orchester vor allem begleitend und stützend auftritt, war hier das Orchester im wahrsten Sinne des Wortes gleichberechtigter Partner neben einem Solisten von Weltrang. Beethoven selbst hatte sein Violinkonzert ja nicht als bloßes Virtuosenstück konzipiert, sondern als sinfonisch gedachtes Werk, in dem die Violine aus dem Orchester herauswächst, mit ihm ringt und sich zugleich in es einfügt. Genau diesen Anspruch lösten Vladar und Zimmermann ein: Zimmermanns Spiel war zwar präsent und leuchtend, doch nie als reine Selbstdarstellung, sondern stets in enger Verflechtung mit den orchestralen Linien. Dass er sich dabei immer wieder den Musikern zuwandte und auch selbst Orchesterstimmen „mitspielte“, unterstrich dieses Miteinander eindrucksvoll.
Das Tempo war in allen Sätzen zügig, aber nie überhastet; gerade daraus erwuchs eine innere Dringlichkeit, die dem Werk eine geradezu greifbare Aussagekraft verlieh. Besonders eindrucksvoll geriet der erste Satz an jener Stelle, an der sich Beethoven in der Solovioline an unzähligen Umspielungen zu verlieren scheint, während Bläser und Streicher nacheinander im pianissimo das einleitende Paukenmotiv aufgreifen. Zimmermann ließ seine Violine hier in innig-zärtlichem, fast sphärischem Ton erblühen, begleitet von einem fast nicht mehr hörbaren, aber umso mehr packenden Orchester. Auch der zweite Satz entfaltete sich inniglich-erzählerisch, ohne ins Schwärmerische oder Verträumte abzugleiten, und wirkte dadurch besonders präsent. Im Finale schließlich dominierten Tanz, Heiterkeit und eine beinahe volksnahe Spielfreude. Der Jubel des Publikums war überwältigend: Bravorufe und Standing Ovations dankte Zimmermann mit einer sensationellen Zugabe – einer Bearbeitung von Schuberts „Erlkönig“ für Violine solo, die seine technische Brillanz und gestalterische Fantasie, aber auch seine Spielfreude noch einmal in besonderem Licht zeigte.
Nach der Pause erwies sich Lutosławskis Konzert für Orchester als ebenso kluge wie sinnfällige Ergänzung. Das zwischen 1950 und 1954 entstandene Werk knüpft an Formen an, die schon Bartók, Strawinsky oder Hindemith entwickelt hatten, entstand jedoch in einem politischen Klima, das von den Kunstdoktrinen des stalinistischen Sozialistischen Realismus geprägt war und die Komponisten zu ideologischen Anpassungen zwang. Lutosławski gelang darin ein bemerkenswerter Spagat: Einerseits erfüllte er mit polnischen Volksliedzitaten und tonalen Bezügen das geforderte Ideal von Volksnähe, andererseits schlug er eine Brücke zur musikalischen Avantgarde seiner Zeit. Gerade aus dieser Doppelbödigkeit bezieht das Werk bis heute seine Spannung: energetisch und mitreißend, dabei reich an Kontrasten, Schichtungen und Farben.
Die größte Herausforderung des überdimensionierten Werkes liegt darin, trotz der vielen Tutti-Passagen die Transparenz zu bewahren. Vladar gelang dies mit klarer Zeichengebung und präziser Ausformung der zahlreichen Tempowechsel und Übergänge, die zu den Stolpersteinen der Partitur zählen. Das Philharmonische Orchester präsentierte sich als Kollektiv von hohem Niveau, in dem auch die vielen solistischen Passagen der einzelnen Instrumente und Gruppen glänzend zur Geltung kamen.
Am Ende stand ein Saisonauftakt, der zugleich als Statement verstanden werden darf: Beethoven und Lutosławski bildeten ein spannendes Spannungsfeld, in dem Solist und Orchester gleichermaßen auf höchstem Niveau musizierten. Das Publikum bedankte sich für diesen gelungenen und mehr als passenden Saisonauftakt mit anhaltendem Applaus und zahlreichen Bravo-Rufen.
Das Konzert wird am Montag, dem 15. September, um 19.30 Uhr noch einmal in der MuK zu hören sein.

Das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck eröffnete am Sonntag seine neue Saison. Foto: Jochen Quast
Text-Nummer: 174995 Autor: Ulrich Witt vom 14.09.2025 um 16.46 Uhr
