Initiative verlegt weitere Stoplpersteine

Lübeck: Archiv - 17.09.2025, 09.29 Uhr: Am 22.09.2025 werden in Lübeck sechs weitere Stolpersteine verlegt: Um 14:00 Uhr in der Mecklenburger Straße 71 (Ecke Wesloer Straße) in Schlutup zwei Stolpersteine für die Familie Schild und um 17:00 Uhr in der Wakenitzstraße 8 vier Stolpersteine für die Familie Häusler.

Zwei Stolpersteine für die Familie Schild
Das jüdische Ehepaar Wolf (geboren 1865) und Johanna Schild, geborene Zadek (geboren 1874), war Anfang der 20er Jahre aus Westpreußen nach Lübeck gekommen, wo Wolfs Bruder Hermann und sein Schwager Carl Camnitzer in der Breiten Straße ein gut gehendes Modegeschäft führten. Nach Wolfs Einführung in dieses Geschäft eröffnete er 1923 sein eigenes Kaufhaus „W. Schild“ in Schlutup in der Lübecker Straße 1 b. Dort war auch die Wohnung des Ehepaars. Nach dem Verkauf des Kaufhauses an Max Jaacks 1927 (Wolf war 62 Jahre alt) zog das Paar zurück nach Lübeck, zunächst in die Hansestraße, dann in den Reiherstieg.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 und der rasanten Verschlechterung des Klimas für jüdische Mitbürger entschloss sich das Paar im September 1933, zu Verwandten nach Berlin zu ziehen. Ihre Tochter Rosa Schenk, die in einer sogenannten Mischehe lebte, konnte mit ihrem Mann Alfred in Lübeck bleiben.

Aber auch in der Großstadt konnten die Schilds der Diskriminierung nicht entgehen und sie mussten mehrfach ihren Wohnsitz wechseln. Nach der Pogromnacht im November 1938 verschlechterte sich ihre Versorgungslage dramatisch, und sie waren auf Lebensmittelzuwendungen ihrer Tochter angewiesen.

Nach dem Beschluss der Wannseekonferenz vom Januar 1942, alle europäischen Juden zur Vernichtung in den Osten zu deportieren, wurden im August auch Wolf und Johanna Schild erfasst (er 77-jährig, sie 68-jährig) und am 27.08.1942 nach Theresienstadt deportiert. Wolf starb dort am 26. November 1942, Johanna wurde am 16. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Dr. Gerhard Eikenbusch wird bei der Verlegung über das Schicksal der Familie berichten.

Kurt Schenk, der Großneffe der Familie, wird ebenfalls anwesend sein und in seinem Beitrag eine lebendige Verbindung zur Familiengeschichte herstellen.

Vier Stolpersteine für die Familie Häusler
Ludolf Alexander Häusler (geboren 1892) studierte Jura und war bereits Rechtsreferendar, als er am Ersten Weltkrieg teilnahm und 1915 in sowjetische Gefangenschaft geriet. Erst 1920 kehrte er nach Lübeck zurück.

1923 heiratete er Elsa Dilloff (geboren 1893) und bekam mit ihr zwei Kinder: Immanuel Alexander (geboren 1924) und Mirjam (geboren 1926). Seit 1927 praktizierte Ludolf als Rechtsanwalt in Lübeck, seit 1931 als Notar. Die Kinder besuchten die allgemeinen Lübecker Schulen: Immanuel die heutige Marlischule und das Johanneum, Mirjam die St.-Gertrud-Mädchenschule und ab 1937 das Lyzeum am Falkenplatz. Daneben nahmen sie am jüdischen Religionsunterricht der jüdischen Gemeinde teil.

Der reichsweite Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Anwälte am 1.4.1933 traf die Familie direkt. Als Frontkämpfer durfte Ludolf zwar zunächst weiter praktizieren, aber 1935 wurde ihm das Notariat und 1937/38 schrittweise die Anwaltszulassung entzogen. Die Familie geriet in existenzielle Not. Auch die Kinder erfuhren Diskriminierung an der Schule: Ludolf wurde am Johanneum isoliert, mit Steinen beworfen und beschimpft.

Nach der Reichspogromnacht wurde Ludolf am 10. November 1938 verhaftet und bis zum 27.2.1939 im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert.

Elsa bemühte sich um seine Freilassung und um Auswanderungsmöglichkeiten. Die Kinder konnten durch Kindertransporte nach Schweden evakuiert werden: Immanuel am 23.2.1939, Mirjam am 9.3.1939. Immanuel kam zunächst ins jüdische Kinderheim in Uppsala, Mirjam in verschiedene Pflegefamilien in der Umgebung. Am 1.8.1939 bekamen die Eltern überraschend eine Transit-Aufenthaltsgenehmigung für Schweden. In nur wenigen Tagen organisierten sie ihre Flucht und verließen Deutschland am 26. August 1939, wenige Tage vor Kriegsbeginn. In Uppsala fand die Familie wieder zusammen.

Das jüdische Hilfskomitee Stockholm unterstützte die Familie, aber der Aufenthaltsstatus war unsicher und musste alle 3 Monate erneuert werden. Erst 1940 bekam Ludolf die Möglichkeit zu arbeiten, und zwar im Rassenbiologischen Institut Uppsala unter dem antifaschistischen Leiter Gunnar Dahlberg. Später übernahm er ein genealogisches Büro, ebenfalls in Uppsala, wo die Familie schließlich dauerhaft wohnen konnte.

Elsa Häusler starb jedoch schon am 24.4.1943 im Alter von 50 Jahren.

Mirjam wurde Genealogin im Büro ihres Vaters. Immanuel wurde Stadtarchitekt und entwarf bedeutende Wohngebiete in Schweden, von denen heute viele denkmalgeschützt sind.

Ludolf starb 1979 im Alter von 87 Jahren.

Bei der Verlegung wird Dr. Gerhard Eikenbusch über das Schicksal der Familie berichten, die aus diesem Anlass dem Archiv der Hansestadt persönliche Tagebücher von Elsa und Ludolf schenken wird, einzigartige Dokumente über jüdisches Leben und erlittene Verfolgung im Nationalsozialismus in Lübeck.

Auch werden die Enkel von Ludolf und Elsa Häusler zur Verlegung aus London anreisen.

Am 22.09.2025 werden in Lübeck sechs weitere Stolpersteine verlegt. Foto: Archiv/HN

Am 22.09.2025 werden in Lübeck sechs weitere Stolpersteine verlegt. Foto: Archiv/HN


Text-Nummer: 175001   Autor: Initiative/red.   vom 17.09.2025 um 09.29 Uhr

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