Straßenbahn: Grüne sehen weiterhin viele Vorteile
Lübeck: Archiv - 19.09.2025, 12.41 Uhr: „Nach den Erkenntnissen des kürzlich vorgelegten Gutachtens zu alternativen Systemansätzen zur Straßenbahn steht fest: Eine Straßenbahn in Lübeck ist aus verkehrspolitischen, ökologischen und städtebaulichen Gründen vorteilhaft“, heißt es in einer Mitteilung der Lübecker Grünen zum Thema. Die Straßenbahn böte höhere Kapazitäten bei geringeren Betriebskosten, trage zur Erreichung der Klimaziele bei, werte die Stadt auf und könne größtenteils durch Fördermittel finanziert werden.Wir veröffentlichen die Mitteilung der Grünen im Wortlaut:
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Andere ÖPNV-Optionen können dahingehend nicht überzeugen.
Arne-Matz Ramcke, verkehrspolitischer Sprecher: „Der nun vorliegende Bericht zum Nutzen einer ÖPNV-Lösung mit einer Tram war das fehlende Puzzlestück, um uns klar für die Einrichtung einer Straßenbahn/Tram in Lübeck zu positionieren.
Eine Tram hätte einen hohen Nutzen für die Bürger der Stadt. Sie vernetzt zentrale Orte und bietet auf Hauptachsen ein schnelles, stauunabhängigeres Vorankommen und ist somit zuverlässiger und pünktlicher als Busse. Darüber hinaus sind Straßenbahnen deutlich geräumiger, komfortabler und bieten mehr Barrierefreiheit. Dadurch lässt sich eine deutlich höhere Nutzung des ÖPNV erreichen, als mit einem Bussystem, was wiederum das Autoverkehrsaufkommen und Staus reduziert.
Die Einführung einer Tram kann ferner eine Reihe von Herausforderungen lösen: Wie in vielen anderen Bereichen muss die Stadt auch im Verkehrssektor ihre selbstgesteckten Umwelt- und Klimaschutzziele einhalten. Demnach soll der Anteil des Umweltverbundes (ÖPNV, Rad- und Fußverkehr) auf 70 Prozent steigen. Nur mit den erhöhten Kapazitäten einer Straßenbahn sehen wir dieses Ziel als realistisch an. Gerade auf stark frequentierten Achsen kann die Tram ihre Stärken ausspielen. Bei einem Betrieb mit erneuerbaren Energien ist zudem ein nahezu klimaneutraler Betrieb möglich. Sämtliche Szenarien mit alternativen Systemansätzen können diesen Ambitionen nicht gerecht werden.
Ein weiterer Vorteil sind die vergleichsweise niedrigen Betriebskosten. Bei einem schienengebundenen ÖPNV wäre zudem mit weniger Reifenabrieb, Straßen- und Fahrzeugverschleiß zu rechnen. Die laufenden Betriebskosten wären bei gleicher Menge an zu befördernden Personen deutlich geringer als mit einer vergleichbaren Lösung mit Bussen. Und: In Zeiten des spürbaren Fachkräftemangels können mit deutlich weniger Personal, deutlich mehr Personen transportiert werden.
Best-Practice-Beispiele aus anderen europäischen Städten unterstreichen den Wert eines Tramsystems. So verdoppelten oder verdreifachten sich teils die ÖPNV-Fahrgastzahlen und der Autoverkehr reduzierte sich spürbar. Auch sind positive Effekte auf Einzelhandel, Immobilienwerte und touristische Attraktivität nachgewiesen.
Für Lübeck aber bietet sich eine weitere einzigartige Chance: Nur bei einem schienengebundenen ÖPNV besteht die Möglichkeit, erheblich mehr finanzielle Unterstützungen bei der ohnehin erforderlichen Sanierung der Lübecker Brücken zu erhalten (etwa 90 % statt etwa 50 % Förderquote).
Auch das Thema autonomes Fahren ist perspektivisch bei dieser schienengebundenen ÖPNV-Lösung realistischer und das womöglich auch noch einfacher als bei autonom fahrenden Bussen, wobei auch diese perspektivisch nicht auszuschließen sind als kleinere Zubringer zu den Tramhaltepunkten.
Der Bau eines Straßenbahnsystems ist eine städtische Herkulesaufgabe, in der aber auch sehr viel Potenzial schlummert. Hier ist Weitsicht gefragt. So sollten wir fortan Großprojekte, wie die Wärme- und die Verkehrswende zusammen denken und zusammen planen. Heißt, wenn wir im Zuge der Wärmewende eine Straße aufmachen, sollten die Maßnahmen direkt den Bau der Schienen am Ende mit einplanen. Durch die integrierte Baustellenplanung verschiedenster Gewerke können wir wertvolle Synergieeffekte nutzen, Baustellenzeiten minimieren, gleichzeitig Brücken sanieren und Verkehrsbehinderungen verringern.
Um auch hier dem Fachkräftemangel zu begegnen, bietet ein solch komplexes Infrastrukturprojekt auch eine einmalige Chance, die besten Architektur- und Ingenieurbüros zu binden. Wir sehen hier mehr Chancen als Risiken und teilen die Aussage der Verwaltung, dass es hier nun eines breiten politischen sowie gesellschaftlichen Bündnisses bedarf, um diese weitreichende Entscheidung zu treffen.“
Sascha Peukert, Mitglied im Bauausschuss ergänzt: “Wir wissen heute schon, dass 90 Prozent (Fördersplit (Bund 75 % + Land 15 %) der Kosten zuwendungsfähig sind. Es wäre fast schon fahrlässig, diese Gelder liegenzulassen, von denen man weiß, dass jeder investierte Euro in den ÖPNV einen volkswirtschaftlichen Nutzen von drei Euro generiert. Insbesondere da auch Brücken förderfähig sind, von denen wir viele haben, die in den nächsten Jahren sowieso saniert oder neu gebaut werden müssen (circa 130 Millionen Euro). Ohne diese spezielle Förderung kann es gut und gerne sein, dass wir viele dieser Brückenbauvorhaben komplett ohne Fördermittel stemmen müssten, denn die normalen Fördertöpfe, die auch so nur bis zu 50 % bezuschussen, sind bereits stark überzeichnet.
Natürlich entstehen auch bei der Stadt hohe Kosten. Da wäre es leicht, dem faktenbefreiten Bauchgefühl „Das ist zu teuer“ nachzugeben. Aber: Kommunale Infrastrukturprojekte dieser Größenordnung haben für gewöhnlich einen Finanzierungszeitraum von 30 Jahren. Die Kosten, die trotz der Fördergelder entstehen würden, verteilen sich somit über einen langen Zeitraum. Wie oftmals fälschlich dargestellt, wirken sich die Investitionskosten somit noch nicht negativ auf den derzeit angespannten Haushalt aus. Bis der Großteil der Kosten anfällt, haben sich hoffentlich sowohl die Konjunktur als auch durch unser Zutun der städtische Haushalt wieder hinreichend verbessert. Auch sollten wir die Kosten der Tram gegen mögliche Klimafolgekosten stellen, die entstehen, wenn wir die Verkehrswende nicht schaffen.
Generell werden die Konsequenzen einer Entscheidung gegen eine Straßenbahn auch zu wenig beleuchtet. Die Kosten-Wirksamkeits-Analyse hat uns klar gezeigt, dass ein maximiertes Bussystem (das sogenannte Verkehrswendeszenario) absolut unwirtschaftlich und auch personell absolut unrealistisch ist. Um unsere Ziele für den Verkehrsverbund dann noch zu erreichen, müsste man demnach den Radverkehr sehr viel stärker ausbauen. Ein Ziel, das wir durchaus unterstützen. Allerdings sehen wir doch schon jetzt, dass die Stadt das von der Bürgerschaft zur Verfügung gestellte Geld für Rad- und Fußverkehr kaum umgesetzt bekommt. In der Konsequenz heißt das eben nicht, dass wir statt einer Straßenbahn besseren Radverkehr bekommen würden, sondern nur, dass wir unser 70 %-Ziel für den Umweltverbund vermutlich beerdigen können.“
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Die Grünen sehen weiterhin viele Vorteile in einer Straßenbahn für Lübeck. Foto: Archiv/HN
Text-Nummer: 175109 Autor: Grüne/red. vom 19.09.2025 um 12.41 Uhr
