NDR eröffnet seine Konzertsaison mit Strauss und Schostakowitsch

Lübeck - Innenstadt: Archiv - 20.09.2025, 16.44 Uhr: Mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter Semyon Bychkov und der schwedischen Sopranistin Christina Nilsson begann am 19. September die neue Lübecker Saison der NDR-Konzertreihe. Auf dem Programm standen Richard Strauss’ „Vier letzte Lieder“ und die 8. Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch, was einen Abend von seltener programmatischer Stringenz versprach.

Auf dem Papier wirken Strauss’ Vier letzte Lieder und Schostakowitschs 8. Sinfonie zunächst wie gegensätzliche Welten. Beide Werke entstanden jedoch in zeitlicher Nähe nach dem Zweiten Weltkrieg – Strauss’ Lieder 1948, Schostakowitschs Sinfonie 1943 –, könnten in ihrer musikalischen Sprache aber kaum weiter voneinander entfernt sein: Strauss als späte Apotheose der spätromantischen Klangfülle, rückwärtsgewandt und von Todesahnung durchzogen, Schostakowitsch dagegen als radikale, moderne Anklage gegen Krieg und Gewalt, geschrieben inmitten der Schrecken und unter den Zwängen des sowjetischen „sozialistischen Realismus“.

Solistin des Abends war die schwedische Sopranistin Christina Nilsson, die 2019 als „Wagner-Sopranistin der Zukunft“ auf sich aufmerksam machte und gastierte seither an Häusern wie der Wiener Staatsoper, in Stockholm und Zürich in großen lyrischen bis dramatisch-lyrischen Rollen. Dabei besitzt sie nicht nur Volumen und Ausdruckskraft, sondern eben auch Empfindsamkeit und lyrische Wärme. Alles unabdingbare Voraussetzungen für diese Lieder, die als Strauss’ letztes vokales Werk auch voller Reflexion über Leben, Natur, Abschied und Tod sind. Es geht nicht um Opernarien mit großer Geste, sondern um Innerlichkeit, Erinnerung, Loslassen, und Nilsson und das NDR Elbphilharmonie Orchester schufen einen sehr fein gewebten Klang, durch den über allen vier Liedern eine Aura von Wehmut und Abschied lag, die durch Nilssons Stimme wie durch das fein austarierte Spiel des Orchesters getragen wurde.

Bychkov erwies sich dabei als aufmerksamer Partner. Er ließ das Orchester zurücktreten, wo Nilsson im Zentrum stand, und formte die orchestralen Zwischenspiele zu Klangbildern von satter Transparenz. Sopran und Orchester verbanden sich so zu einer Einheit – eine Kombination, die sich als ausgesprochen stimmig erwies. Besondere Momente schufen auch die Solisten des Orchesters: Konzertmeister David Radzynski ließ das Violinsolo in „Beim Schlafengehen“ innig und schwebend aufblühen, während Hornistin Claudia Strenkert in „September“ mit nobel-empfindsamem Ton glänzte.

Das Publikum in der leider nur mäßig besuchten Musik- und Kongresshalle bedankte sich insbesondere bei Christina Nilsson zurecht mit langem, intensivem Applaus und Bravorufen. Eine gänzlich andere Welt erwartete das Publikum nach der Pause mit der 8. Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch. Doch der Kontrast beider Werke geht weit über Klangfarben hinaus. Während Strauss in hohem Alter eine letzte Huldigung an die Schönheit von Natur und Abschied schuf – ein Werk, das im Gestus eher rückwärtsgewandt erscheint –, stand Schostakowitsch mitten im Zweiten Weltkrieg, als er 1943 seine 8. Sinfonie schrieb.

Aber mehr noch ist dieses Werk ein Monument: fünf Sätze, voller Klage, Schmerz und auch sarkastischer Groteske. Schostakowitsch selbst schrieb einmal über sie: „Ich wollte ein Bild vom seelischen Leben eines Menschen schaffen, den der gigantische Hammer dieses Krieges betäubt hat.“

Nach dem gewaltigen Erfolg der 7. Sinfonie, der sogenannten „Leningrader“, erwartete die sowjetische Kulturpolitik ein weiteres heroisches Werk, das die jüngsten Siege der Roten Armee feierte. Tatsächlich hatte sich nach Stalingrad die Wende im Krieg abgezeichnet, und das Publikum rechnete mit einem triumphalen Abschluss. Doch Schostakowitsch verweigerte sich dieser Erwartung: Statt eines Siegesgesangs schrieb er eine düstere, monumentale Anklage, ein Werk voller Klage, Groteske und existenzieller Leere.

Eine nicht geringe Aufgabe also, die Semyon Bychkov und das NDR Elbphilharmonie Orchester zu bewältigen hatten. Aber Bychkov, seit 2018 Chefdirigent des Tschechischen Philharmonischen Orchesters und für seine klare, kompromisslose Werkauffassung bekannt, leitete das Orchester mit unbestechlicher Ernsthaftigkeit.

So geriet der 1. Satz zu einem endlos scheinenden Trauergesang, der in Gewalt ausbricht, ohne Erlösung zu finden. Bemerkenswert auch, wie Bychkov es gelang, den Kontrast zum 2. Satz herauszuarbeiten. Von Schostakowitsch als „einen Marsch mit Elementen eines Scherzos“ beschrieben, schufen insbesondere die Holzbläser eine Stimmung geradezu burlesker Freude mit scharf sarkastischem Unterton. Im 3. Satz, jetzt ein motorisch getriebenes Allegretto, überzeugte das Orchester durch präzise Rhythmik und beißende Schärfe, während die Streicher eine unerbittliche Wucht entwickelten. Zwar wirkte das Tempo stellenweise etwas fest, doch nicht im Sinne mangelnder Spannung, sondern als bewusstes Aushalten der Dichte und des Gefühls einer „gewaltigen Wucht“. Gerade dadurch gewann das Werk seine beklemmende Kraft. Die Schlussseiten, in denen Schostakowitsch keinen befreienden Triumph, sondern ein gebrochenes Verklingen bietet, ließen den Saal in nachdenklicher Stille zurück.

Insgesamt also ein Abend voller Emotionen, und gerade in der Kombination dieser beiden Werke entstand in Lübeck ein programmatischer Bogen, der den Blick auf das 20. Jahrhundert schärfte: von der nostalgischen Rückschau eines alternden Komponisten bis zur kompromisslosen musikalischen Anklage gegen Unterdrückung und Gewalt.

Dieses Konzert war von beeindruckender Geschlossenheit. Nilsson setzte mit Strauss einen menschlich-warmen Akzent, Bychkov und das NDR Elbphilharmonie Orchester entfalteten in Schostakowitsch eine erschütternde Klanglandschaft. Beide ergänzten sich ideal: Nilssons klare, lyrisch-strahlende Stimme eröffnete den Abend mit Innigkeit, Bychkovs analytisch tiefgründige Lesart von Schostakowitsch stellte die historische und existenzielle Dimension scharf heraus.

Auch nach dem Schostakowitsch gab es langen, intensiven Applaus, Bravorufe und sichtbare Dankbarkeit. Bemerkenswert: Selbst das Orchester applaudierte seinem Dirigenten – ein Zeichen für eine Aufführung, die in ihrer Tiefe und Geschlossenheit alle Beteiligten bewegt hatte.

Ein Konzert, das mehr bot als große Musik: Es stellte Fragen nach Erinnerung, Vergänglichkeit und Widerstand – und war in jeder Sekunde seinen Besuch wert.

Für die Eröffnung der neuen NDR-Konzertreihe in der MuK gab es viel Beifall.

Für die Eröffnung der neuen NDR-Konzertreihe in der MuK gab es viel Beifall.


Text-Nummer: 175125   Autor: Ulrich Witt   vom 20.09.2025 um 16.44 Uhr

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